Nichts ist, wie es scheint

Andreas Pflueger: Kaelter

Als 2016 der Roman »Endgültig« von Andreas Pflüger erschien, entschied sich der Suhrkamp Verlag zum ersten Mal in seiner Verlagsgeschichte, das Wort »Thriller« auf den Umschlag zu drucken. Es folgten die beiden Fortsetzungen »Niemals« und »Geblendet«, danach die Romane »Ritchie Girl« und »Wie Sterben geht«. Und »Kälter«, das neueste Werk, um das es in diesem Blogbeitrag gehen soll. Alle Titel haben etwas gemeinsam. Genau wie auf den Buchcovern angekündigt sind es Thriller. Außerordentlich spannende Thriller. Und jeder von ihnen ist auf seine Weise mehr als ein Thriller. Nämlich Kriminalliteratur vom Allerfeinsten, brillant geschrieben, mit einem perfekt komponierten Spannungsbogen. Und jeder Roman mit einer thematischen Besonderheit.

In der Trilogie »Endgültig«, »Niemals« und »Geblendet« geht es um die Ermittlerin Jenny Aaron, die bei einem Einsatz ihr Augenlicht verloren hat und sich nach diesem Schicksalsschlag zurückkämpft in ihr Leben. Es sind drei Romane, die einem das Denken und Fühlen erblindeter Menschen so nahebringen, wie es mit sprachlichen Mitteln nur möglich ist – dank intensiver Vorarbeit und Gespräche des Autors mit Betroffenen.

In »Ritchie Girl« schickt uns Andreas Pflüger in das zerstörte Deutschland des Jahres 1945, als sich die Machtblöcke des Kalten Krieges abzuzeichnen begannen und in denen Informationen wichtiger wurden als Gerechtigkeit. Eine brillant geschriebene Momentaufnahme einer Zeit des Umbruchs, in der nicht nur ein Handlungsstrang für Gänsehautmomente sorgt. 

»Wie Sterben geht« ist ein Agententhriller, der im Moskau des Jahres 1980 spielt – in einer Zeit, in der ein kleiner Fehler tödliche Konsequenzen haben konnte. Denn unter der scheinbar starren Oberfläche des Kalten Krieges wurde erbittert und brutal gekämpft. Doch zwischen all der Dramatik geht es in diesem Roman auch um Literatur, um die Schönheit von Bibliotheken und um das Werk der großen Lyrikerin Anna Achmatowa.

Eine lange Einleitung, um nun endlich auf das jüngste Werk von Andreas Pflüger zu sprechen zu kommen. Auf »Kälter«. In diesem Roman lernen wir Luzy Morgenroth kennen. Es ist das Jahr 1989, sie arbeitet seit einiger Zeit als Polizistin auf Amrum und ist dort auf einer der kleinsten und abgelegensten Polizeistationen Deutschlands stationiert. Es geschieht nicht viel, sie genießt die Abgeschiedenheit, hat ein paar Freundschaften geschlossen, benötigt wenig zum Leben. Vor allem aber versucht sie zu vergessen. Zu vergessen, dass sie einst eine perfekt ausgebildete Spezialistin des BKA war. Zu vergessen, dass sie Leiterin eines eigenen Teams war. Und zu vergessen, dass ein Personenschutz-Einsatz in Tel Aviv blutig schiefging und sie nur gerade so überlebte. Ein Drama, das sie schwer traumatisiert nach Amrum verschlagen hat, an den Rand von allem – und bis heute fragt sie sich, wie es zum dem Desaster kommen konnte. 

Bekanntlich ist die Vergangenheit nie vergangen, sie holt uns immer wieder ein. In Luzys Fall in Form eines Killerkommandos, das auf eine Zielperson angesetzt ist, die sich auf Amrum versteckt. Damit beginnt der Roman, Luzy Morgenroth verliert dabei einen Menschen, der ihr sehr viel bedeutet. Und der alte Jagdinstinkt erwacht wieder in ihr. Wer waren die Killer? Und vor allem: Wer hat sie geschickt? Ihre Recherchen schicken sie erst aufs Festland, und dann tief hinein in die Umbrüche der Jahreswende 1989 und 1990. Eine Zeit, in der sich alte Gewissheiten auflösten, in der Staaten und Machtapparate zerfielen, in der ein geheimdienstliches Vakuum entstand, in dem Seilschaften gekappt wurden, sich neue Bündnisse bildeten, Menschen untertauchten. Und Geheimnisse gelüftet wurden, die niemals das Tageslicht hätten erblicken sollen. Nichts ist so wie es scheint – diese uralte Geheimdienstweishheit potenzierte sich in dieser Zeit des Umbruchs ins Unendliche. Und Luzy Morgenroth taucht hinein in eine Welt der tödlichen Intrigen und verschwiegenen, alten Männer, an deren Händen Blut klebt. Ihr Weg führt sie nach Berlin, in eine Stadt, die gerade im Chaos versinkt, in der Stasi-Akten verschwinden und Menschen gleich mit.

»Als sie an der Spree ist, schaut Luzy hinüber zum leuchtenden Palast der Republik, Sitz der Volkskammer, schon jetzt ein Museum für gescheiterte Menschenexperimente.«

Und dann über einige Umwege weiter nach Wien, Grenzland zwischen West und Ost, schon immer Dreh- und Angelpunkt aller Geheimdienste; KGB, CIA, MI6, BND, Mossad und wie sie alle heißen. 

Sie entdeckt Hinweise auf eine Verbindung zwischen dem Killerkommando auf Amrum und ihrer Katastrophe in Tel Aviv. Eine Verbindung, die einen Namen trägt: Babel – der gefährlichste Terrorist der Gegenwart, ein Phantom, entstanden in der gnadenlosen Welt des Kalten Krieges, ein RAF-Mitglied, von der Stasi zum Killer ausgebildet, Handlanger des KGB, Mörder, Attentäter, Anschlagsplaner – aber schon längst nicht mehr für eine Ideologie, sondern für den Meistbietenden. 

Luzy Morgenroth reißt einen Vorhang nach dem anderen herunter, erfährt Details, die ihr Weltbild und ihr Vertrauen erschüttern, findet aber auch neue Verbündete. Und wird von der Jägerin zur Gejagten. Verfolgungen, Schießereien, Kämpfe, Explosionen – Andreas Pflüger legt ein atemberaubendes Erzähltempo vor, actionreich und mitreißend. Gleichzeitig gibt er dabei einen spannenden Einblick in die verwirrende Welt der Geheimdienste am Ende des Kalten Krieges: Alle haben sie ihre buchstäblichen Leichen im Keller, alle bespitzeln sich gegenseitig und während die bekannte Ordnung zerbröselt, versuchen alle zu retten, was an Geheimnissen zu retten ist. Gerüchte über eine Eliteeinheit, die nach dem Ende der DDR im Westen im Untergrund weiter tätig sein sollte. Informelle Kanäle zwischen Stasi und BKA-Spionageabwehr, um das Schlimmste zu verhindern. Die Steuerung der »lilalatzbehosten Wolkenguckerpazifisten« durch den KGB. Destabilisierung des Westens durch Zusammenarbeit mit den unterschiedlichsten Terrorgruppierungen, von der RAF über die iranischen Revolutionsgarden bis zur Hisbollah und Gaddafis Libyen – wobei die westlichen Geheimdienste mit ebenso harten Bandagen kämpften und sich manchmal die Interessen auch überschnitten. 

»Geheimdienste lügen nicht. Wir schützen Interessen.«

Das alles und vieles mehr steht plötzlich im Raum. Und irgendwann wird Luzy – so viel darf verraten werden – herausfinden, was damals in Tel Aviv wirklich geschehen ist. Während sie mit allen Mitteln, mit all ihrem Geschick und mit all ihrer Kraft versuchen muss, nicht von dem Strudel einer sich auflösenden Welt in die Tiefe gerissen zu werden. 

»Worum geht es in ihrem Gewerbe- wenn Sie nur ein Wort dafür hätten?«
»Um Vertrauen. Und in ihrem?«
»Ums Überleben.«
»Das eine ist das andere in Spiegelschrift.«

Und immer wieder trifft sie bei ihrer wilden Jagd durch den Untergrund auf Babel oder auf dessen Spuren. Das Buch entwickelt den Sog eines temporeichen Actionfilms. Eines Actionfilms auf Papier; beim Lesen entstehen permanent bewegte Bilder im Kopf. Die jetzt, beim Schreiben dieses Textes sofort wieder da sind. Und um dem Ganzen die cineastische Krone aufzusetzen, wimmelt es nur so von Anspielungen auf Filme, auf ikonische Szenen der Kinogeschichte. Zitiert wird etwa der Schluss von »Der eiskalte Engel« mit Alain Delon. Oder die Szene in »Der unsichtbare Dritte«, in der sich Gary Grant und Eva Marie Saint das erste Mal begegnen. Oder die Kampfszene auf dem Dach eines fahrenden Zuges in »Trans-Amerika-Express«. Oder die Schlüsselszene in »Der Pate«, als Michael Corleone die Waffe aus dem Spülkasten in der Toilette holt, um zum Mörder zu werden. Oder der unvergessliche Showdown aus »Spiel mir das Lied vom Tod«. Und natürlich wird es auch in »Kälter« einen Showdown geben, ohne Mundharmonika zwar, aber genau so dramatisch.

Es ist eine wahre Hymne auf das Kino und sie gibt diesem ohnehin großartigen Roman noch einen allerletzten Feinschliff, verbindet sich wunderbar mit der Story, in der nur eines gewiss ist: Nichts ist, wie es scheint. 

Und dazwischen immer wieder Momente voller Schönheit und einer großen Sehnsucht. Etwa dieser hier: »Es ist eine dieser Straßen, in denen sie sich vorstellt, hier einen Balkon zu haben, sonst nichts, nur einen Balkon, auf dem sie ein Leben lang mit einem Espresso sitzen und die Menschen unten betrachten würde.« 

Ich mag das sehr. 

Buchinformation
Andreas Pflüger, Kälter
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43258-7

#SupportYourLocalBookstore

Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2025: Die besten Buecher

»Was lese ich als nächstes?« Dies ist für mich eine der schönsten Fragen, die es gibt. Manche Menschen planen ihre Lektüren im Voraus oder nehmen sich vor, während eines Jahres bestimmte Bücher zu lesen. Zu diesen gehöre ich nicht. Ganz im Gegenteil: Ich liebe es, vollkommen planlos von Buch zu Buch zu flanieren, mich durch fremde Welten, Zeiten und Leben treiben zu lassen. Mich vor das überquellende Buchregal zu stellen und in aller Ruhe zu überlegen, welches Buch gerade passen würde. Und wenn das Jahr zu Ende geht, ist eine bunte, spannende und so manches Mal überraschende Mischung an Lektüren zusammengekommen. Wie immer habe ich für diesen Rückblick meine persönlichen fünfzehn Favoriten zusammengestellt; es sind die Romane und Sachbücher, die mich 2025 am meisten bewegt, beschäftigt oder inspiriert haben. Und wie immer sind einige davon Neuerscheinungen gewesen, andere standen schon länger im Bücherregal und hatten auf den passenden Lesemoment gewartet. Und genau deshalb kann man gar nicht genug ungelesene Bücher zuhause haben. Ich nenne sie Lesevorräte.

Doch genug der langen Vorrede, das hier sind sie, meine persönlichen Lesehighlights des Jahres 2025. „Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher“ weiterlesen

Die Geschichten im Kopf

Die Geschichten, die im Kopf entstehen: Gespraech mit einem Fensterputzer

Auf dem Photo dieses Beitrags sind eine Menge Fenster zu sehen. Es handelt sich um eine Teilansicht des Verlagsgebäudes von Bastei Lübbe, inmitten des Carlswerks, einem ehemaligen Industrieareal im Kölner Stadtteil Mülheim. Das 1961 errichtete heutige Verlagshaus war früher das Verwaltungsgebäude des Fabrikgeländes, bis es 2010 für die Bedürfnisse eines modernen Medienunternehmens umgebaut wurde. Hinter einem der Fenster links oben befindet sich das Büro, in dem ich für den Eichborn Verlag arbeite, der zur Lübbe-Gruppe gehört. Zwei große Bücherregale prägen das Büro, sie sind gut gefüllt mit Exemplaren für die Presse, für Blogs oder Buchhandlungen und mit einem Archiv der Eichborn-Bücher aus den letzten Jahren. Ein Arbeitsplatz, umgeben von Büchern.

Zwei Mal im Jahr geht ein Trupp Fensterputzer durch das ganze Gebäude, das sechs Stockwerke hoch ist und wohl gute 150 Meter lang – es gibt für sie eine Menge zu tun. Und da Fensterputzen nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen im Haushalt gehört, bin ich jedes Mal tief beeindruckt, mit was für einer Geschwindigkeit man eine große Scheibe reinigen kann. Üblicherweise betritt einer der Jungs das Büro, erledigt seinen Job in wenigen Minuten und ist wieder weg. Einmal aber sind wir ins Gespräch gekommen und das möchte ich hier aufschreiben. „Die Geschichten im Kopf“ weiterlesen

In den Strudeln einer sterbenden Welt

Nelio Biedermann: Lázár

Am 27. August 2025 hörte ich zum ersten Mal von dem Buch. An diesem Tag erschien in der ZEIT eine Besprechung des Romans »Lázár« von Nelio Biedermann. »Ein großartiges und größenwahnsinniges Werk« urteilte der Rezensent Adam Soboczynski – und ich kann mich nicht erinnern, jemals solch eine begeisterte, geradezu hymnische Buchvorstellung in einem Feuilletonartikel gelesen zu haben. Und kurz danach war das Buch omnipräsent: Überall in der Presse, in zahlreichen Blogs und stapelweise in jeder Buchhandlung, das markante Buchcover war nirgends zu übersehen. Im Verlauf der Wochen vor der Frankfurter Buchmesse wurde ich mehrfach und von den unterschiedlichsten Menschen gefragt: »Und? Hast Du schon ›Lázár‹ gelesen?« Ich neige dazu, dass mich solche Hypes eher abschrecken, einige der hochgelobten Romane der letzten Jahre stehen noch ungelesen im Regal. Nicht, weil ich meinen Lesegeschmack für irgendwie außergewöhnlich halte, sondern weil ich dann jedes Mal das Gefühl habe, schon vorab so viel über ein Buch gehört zu haben, dass ich es gar nicht selbst lesen muss. In diesem Fall aber war ich wirklich neugierig geworden und in der Woche nach der Buchmesse verbrachte ich einen Nachmittag mit »Lázár«, saß lesend am Fenster, während der Regen dagegen prasselte. Und was soll ich sagen? Das Buch entwickelt sofort einen solchen Sog, dass ich vollkommen abgetaucht war und verzaubert von einer wahrlich außergewöhnlichen Sprache. „In den Strudeln einer sterbenden Welt“ weiterlesen

Wie ein Riss in der Leinwand

Gabriel Zuchtriegel: Vom Zauber des Untergangs | Robert Harris: Pompeji

Pompeji ist wohl einer der faszinierendsten Orte der Welt. Mein Besuch dort liegt schon einige Jahre zurück, aber ich kann mich so gut daran erinnern, als sei es erst vor ein paar Wochen gewesen. Auf alten, gepflasterten Straßen durch die Ruinenlandschaft flanieren, Blicke in Häuser, kleine Geschäfte und Werkstätten werfen: das Gefühl, unmittelbar durch den Alltag der Menschen zu laufen, die vor fast zweitausend Jahren dort gelebt haben, ist ein überwältigendes Gefühl. Und am Horizont hat man dabei stets den dunklen, drohenden Umriss des Vesuvs vor Augen, der vor dem großen Vulkanausbruch 79 n. Chr. fast 800 Meter höher gewesen sein muss. Die Zeugen dieser Katastrophe treffen wir dort noch an, die Gipsabgüsse der Menschen in der Stunde ihres Todes zeigen die Gewalt der Natur, die an diesem sommerlichen Unglückstag Pompeji zerstörte. Pompeji und die umliegenden Orte. Und sie in der Zerstörung durch den alles überdeckenden Asche- und Steinregen konservierte. Bis heute. 

Zwei Bücher stelle ich hier vor, die unterschiedlicher kaum sein können, die aber für mich perfekt zusammenpassen und die ich direkt hintereinander gelesen habe: »Vom Zauber des Untergangs« von Gabriel Zuchtriegel und »Pompeji« von Robert Harris. „Wie ein Riss in der Leinwand“ weiterlesen

Das Finale nach dem Finale

Volker Kutscher: Westend

Das habe ich noch nie erlebt: Man freut sich auf ein Buch, kann den Erscheinungstermin kaum erwarten – und als man es schließlich in der Hand hält, weiß man nicht, ob man es überhaupt lesen möchte. So ist es mir gegangen mit »Westend« von Volker Kutscher. Der Name dieses Autors ist hier schon oft gefallen, und wer schon eine Weile im Blog mitliest, der weiß, wie begeistert ich von seiner Buchreihe rund um den Ermittler Gereon Rath bin, die 2007 mit dem ersten Band »Der nasse Fisch« gestartet ist. Danach folgten neun weitere Bände; die Handlung ist im Berlin der Jahre 1929 bis 1938 angesiedelt und sie führt uns mitten hinein in die Dunkelheit des »Dritten Reiches«. Tatsächlich gibt es nur selten Romane, die das Leben in dieser Zeit so glaubwürdig schildern, wie diejenigen von Volker Kutscher. Aber das habe ich schon einmal aufgeschrieben, nachzulesen im Beitrag »Der Weg in die Finsternis«, in der ich die Serie komplett vorstelle und dabei erzähle, was die Bücher so besonders macht. Anlass für jenen Text war das Erscheinen des letzten, des zehnten Bands, der den schlichten Titel »Rath« trägt. Mein Fazit: »Der Schluss von ›Rath‹ ist so gelungen wie die gesamte Buchreihe. Ein dünner Rest Hoffnung bleibt, während Dunkelheit und Nebelschwaden alles verhüllen – wie ein prophetischer Blick auf das, was kommen wird.« 

Und genau so war es: Das Ende der Reihe ist perfekt. Es bleiben viele offene Fragen – und alles verliert sich in der Dunkelheit. Ein anderer Schluss wäre angesichts des komplexen Figurentableaus, das über zehn Bände aufgebaut wurde, nicht glaubwürdig und kaum denkbar gewesen. Und jetzt, ein Jahr später, liefert Volker Kutscher noch einen schmalen Band nach: »Westend« hat gerade einmal 104 Seiten Text und führt ins Jahr 1973, es sind also 35 Jahre vergangen seit dem Ende in der Buchreihe. „Das Finale nach dem Finale“ weiterlesen

Die zehn Leseregeln von Roger Willemsen. Ein Textbaustein*

Roger Willemsen: Liegen Sie bequem? Vom Lesen und von Buechern

Was für eine wunderbare Lektüre: Im Buch »Liegen Sie bequem?« sind Texte von Roger Willemsen versammelt, in denen es um das Lesen geht, um Bücher und um Literatur: Buchbesprechungen, kurze Porträts von Autorinnen und Autoren quer durch die Literaturgeschichte, manchmal knappe, manchmal ausführliche Leseempfehlungen, fiktive wie tatsächlich geführte Interviews, Kolumnen, Streitgespräche, Feuilletonbeiträge, Aufzeichnungen und Notizen. Ein wahres Roger-Willemsen-Lesebuch und ein Genuss von der ersten bis zur letzten Seite. 

Roger Willemsen ist 2016 mit nur sechzig Jahren gestorben. Viel zu früh. Der Journalist, Moderator, Autor und Literaturkritiker faszinierte auf vielen Bühnen unzählige Menschen mit seiner nahbaren Intellektualität und seiner brillanten Art, Dinge auf den Punkt zu bringen. Und genau deshalb ist es ein großes Lesevergnügen, sich durch Willemsens Gedanken zu lesen, die stilistische Eleganz seiner Sätze zu genießen und den eigenen Horizont – fast wie nebenbei – permanent erweitert zu finden. „Die zehn Leseregeln von Roger Willemsen. Ein Textbaustein*“ weiterlesen

Ein Brandbrief, 183 Seiten lang

Pilipp Peyman Engel: Deutsche Lebenslügen - Der Antisemitismus, wieder und immer noch

Kommt dieser Blogbeitrag zu spät? Man möchte es meinen: Schließlich liegt das Erscheinen des Buches schon eineinhalb Jahre zurück. Und der Abend, an dem ich den Autor im Literaturhaus Köln live erlebt habe, ist ebenfalls schon fast ein Jahr her. Und ja, ich würde mir wünschen, dass es diese Buchvorstellung gar nicht gäbe, dass dieses Buch gar nicht notwendig gewesen wäre. Aber leider ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil: »Deutsche Lebenslügen« von Philipp Peyman Engel ist angesichts des schockierenden Zustands unserer Gesellschaft eine hochaktuelle und dringliche Lektüre. Es trägt den Untertitel »Der Antisemitismus, wieder und immer noch«. Und es ist ein hundertdreiundachtzig Seiten langer Brandbrief.

Philipp Peyman Engel stammt aus einer jüdischen deutsch-iranischen Familie, wuchs im Ruhrgebiet auf, lebt in Berlin und ist der Chefredakteur der »Jüdischen Allgemeine«. Als deutscher Jude schreibt er über die Situation in der Zeit nach dem 7. Oktober 2023 – und diese sehr persönliche Analyse der dramatischen Entwicklungen in unserem Land ist ein Text, der einen beim Lesen schockiert, traurig macht und wütend zugleich. „Ein Brandbrief, 183 Seiten lang“ weiterlesen

Tod eines Jägers

Roberto Saviano: Falcone

Der 23. Mai 1992 war ein Samstag. Giovanni Falcone und seine Ehefrau Francesca Morvillo fuhren – vom Flughafen in Palermo kommend – zu ihrem Wochenendhaus, als eine gewaltige Explosion ihr Auto zerstörte. In einer Abwasserröhre unter der Autobahn war eine halbe Tonne Sprengstoff deponiert gewesen; der Mafia-Jäger Falcone, seine Frau und drei Leibwächter starben in den rauchenden Trümmern. Das liegt nun schon lange zurück, aber ich kann mich gut an die Nachrichten erinnern, die über diesen Anschlag berichteten – denn die Meldung ging damals um die Welt. Doch welche Bedeutung Giovanni Falcone hatte, wie unermüdlich er den Kampf gegen das organisierte Verbrechen führte und welchen Mut es brauchte, niemals aufzugeben oder sich einschüchtern zu lassen – das hat mir erst dieses Buch klar vor Augen geführt: »Falcone« von Roberto Saviano. Ein Roman. „Tod eines Jägers“ weiterlesen

Der lange Weg zum Anfang von allem

Alain Damasio: Die Horde im Gegenwind

In unserer Zeit der kurzen Texte, der minimalen Aufmerksamkeitsspannen und der für schnellen Verbrauch aufbereiteten Medieninhalte ist dieses Buch ein Statement. Eine Zumutung. Eine Herausforderung. Ein Sprachwunder. Ein Roman, auf den man sich tage-, wochenlang einlassen muss – und der einen belohnt mit einer einzigartigen Geschichte, mit einem intensiven Leseerlebnis, mit einer Reise quer durch eine bis ins feinste Detail ausgearbeiteten, phantastischen Welt. Kurz gesagt: »Die Horde im Gegenwind« von Alain Damasio ist eines dieser Bücher, auf die man nicht allzu oft trifft in seinem Leserleben.

Um was geht es, was verbirgt sich hinter diesem prägnanten Titel? Das Buch nimmt uns mit auf einen langen Weg. Einen Weg durch eine riesige, leere Welt, die zu großen Teilen nicht bewohnbar ist. Zwar gibt es Städte, Siedlungen und Dörfer, doch zwischen diesen liegen tausende von Kilometern unwirtlicher Natur. Der Wind ist das alles prägende Element in dieser Welt. Er ist immer da, es gibt keine Windstille, nie. Er bestimmt das Leben der Menschen, er treibt Maschinen an, Fortbewegungsmittel und Waffen. Und er zerstört, verwüstet, tötet. Von neun Formen des Windes sprechen die Gelehrten und seit hunderten von Jahren werden sie erforscht. Die ersten sechs Formen heißen Zefirine, Slamino, Stesch, Choon, Blizzard und Grimmwind. Der Grimmwind ist tödlich, wenn man ungeschützt von ihm überrascht wird; die Haut reißt, Menschen werden zerfetzt, die Überreste verschwinden im Wirbel. Aber auch Häuser, ganze Dörfer gehen in den Grimmwind-Stürmen unter. Und darüber hinaus gibt es noch mehr: Die in der Aufzählung fehlenden drei Formen des Windes sind unbekannt, die siebte, achte und die neunte – sie zu entdecken, zu erforschen ist Aufgabe der Horden. „Der lange Weg zum Anfang von allem“ weiterlesen