Ein Dorf am Ende der Welt

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Stellt euch vor, ihr reist durch Italien. Ihr kommt dabei durch Städte, kleine Orte und völlig abgelegene Dörfer. Stellt euch ein solch einsames Dorf vor, es liegt vielleicht auf einem Bergrücken. Ihr erreicht es am frühen Nachmittag, es gibt einen Supermercado, der gerade Mittagspause hat, einen leeren Platz mit ein, zwei Cafés und einer Bar. Vielleicht sitzen dort ein paar alte Männer im Schatten der Bäume und schweigen gemeinsam. Stellt euch die Häuser des Dorfes vor, wie sie sich verschachtelt entlang der Durchgangsstraße hinziehen, die ins Nirgendwo zu führen scheint. Die paar engen Gassen, die rechts und links abgehen. Wäsche, die vor den Fenstern zum Trocknen hängt, geschlossene Fensterläden. Natürlich gibt es eine Kirche, alt und verwittert – so wie der ganze Ort. Es ist still. Keine Menschen sind unterwegs. Seht ihr einen solches Dorf vor euch? Hört ihr die Stille? Unwillkürlich würde ich mir in diesem Moment die Frage stellen, wie es wohl sein muss, in einem Ort wie diesen sein Leben zu verbringen. Und was sich wohl hinter all den schweigenden Fassaden abspielen mag. Welche Menschen in den Häusern wohnen, die still der Mittagshitze trotzen. Was sie bewegt. Wie es sich anfühlt, alles voneinander zu wissen. Und ich wäre neugierig darauf, welche Geschichten sie wohl erzählen könnten. In dem Roman »Hinter verschlossenen Türen« von Sacha Naspini lernen wir ein solches Dorf kennen. Und wir erfahren Kapitel für Kapitel mehr über das Leben in einer Dorfgemeinschaft, die eher wie eine Schicksalsgemeinschaft wirkt. Und vielleicht möchte man dann doch nicht so genau wissen, was sich alles hinter den Fassaden eines einsamen Dorfes abspielt, das in der Mittagszeit vor sich hinbrütet. Denn es sind Dramen und ein Blick tief hinein in menschliche Abgründe. Aber dann ist zu spät, denn man hat dieses grandiose Buch bereits durchgelesen. Und muss erst einmal tief durchatmen. 

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Le Case ist ein altes, aussterbendes Dorf auf einem felsigen Höhenzug der Maremma, »ein Ort, der deine Seele erstickt.« Die Menschen dort führen tagein, tagaus das immergleiche Leben. Die Wolken hängen tief, weit unten liegt der nächste größere Ort, nur selten verirren sich Fremde in Le Cases Abgeschiedenheit – es ist ein Dorf am Ende der Welt. 

»Wenn du von Le Case eines lernst, dann, mit wenig zufrieden zu sein. Le Case massakriert dich schon im Kindesalter, indem es dir die schönen Erwartungen aus der Hand nimmt, die man ans Leben hat, und schon mit fünfzehn steckst du in einer Haut, die dir langsam zu eng wird. Wenn du dann nicht den Weg findest oder den Mut hast, diesen Fels hinter dir zu lassen, bekommst du einen anderen Blick auf diese Mauern. Erst waren sie das Tor, um in die Welt hinauszugehen. Jetzt schließen sie dich ein, und statt deine Augen zum Funkeln zu bringen, nehmen sie dir die Luft zum Atmen. Also lässt du allmählich den Kopf hängen. Du sagst dir: ›Es gibt Leute, denen es schlechter geht.‹ Und das ist die eigentliche Todsünde. Denn sie wird zu einer Ausrede und am Ende glaubt man sie wirklich.«

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Diese wenigen Sätze lassen ein Dorf vor dem inneren Auge entstehen, dessen Einsamkeit schon fast mit den Händen zu greifen ist. Doch wer sind die Menschen, die dort leben? Die dort seit Jahrzehnten Haus an Haus, Wand an Wand wohnen und glauben, alles voneinander zu wissen. Aber hinter den Fassaden schlummern die Geheimnisse – und was für welche. In neunundzwanzig Kapiteln lernen wir zahlreiche der Bewohner kennen, jedes Kapitel ist aus der Perspektive der jeweiligen Person geschrieben. Manche tauchen mehrfach auf, viele nur ein einziges Mal, werden aber in anderen Kapiteln erwähnt. So entsteht ein kunstvoll komponiertes Kaleidoskop menschlicher Schicksale, die alle untrenn- und unentrinnbar mit Le Case verbunden sind. Kapitel für Kapitel tauchen wir tiefer ein in die Straßen und Gassen von Le Case, in eine kleine Welt für sich. Und nein, die Menschen dort wissen bei weitem nicht alles voneinander. Ein paar der Dorfbewohner stelle ich hier vor.

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Der tote Zwilling
Sonia Antichi vermisst ihren tödlich verunglückten Ehemann Achille – trotz all der freud- und lieblosen Jahre, die sie miteinander verbracht haben. Dessen Zwillingsbruder Angiolino, der mit Antiquitäten handelt und versucht, seine Homosexualität vor den Dorfbewohnern zu verbergen, gleicht dem Verstorbenen aufs Haar – was sie jedes Mal zutiefst erschüttert. Aber was genau war eigentlich geschehen? Wie kam es zu dem Unfall? Wir werden es erfahren. Sonia nicht. 

Der hassende Arzt
Emilio Salghini ist der Arzt von Le Case. Ein Arzt, der es schafft, seinen finsteren Hass auf sein Schicksal und auf Le Case vor allen anderen zu verbergen. Aber nicht vor uns Lesern. 

Die alte Jungfer
Giovanna Ginanneschi ist das, was man im Dorf eine alte Jungfer nennt. Ihre Jugendliebe entschied sich für eine andere – und damals nahm Giovanna Rache. Eine geradezu monströse Rache, die bis in die Gegenwart andauert, aber niemand weiß davon. 

Der Schatz im Wald
Filippo Nencioni ist ein Kind mit einem geistigen Handicap und wird von niemandem ernst genommen. Daher kümmerte sich auch niemand um den »Schatz«, den er im Wald gefunden hat. Mit fatalen Folgen.

Das große Geheimnis
Piera del Casino ist – ebenso wie ihr Zwillingsbruder – als taube Kleinwüchsige geboren. Als Kinder war es ein hartes Schicksal, sie wurden verspottet und ausgegrenzt. Aber als Erwachsene haben sie ein Geheimnis, das sie für alle erlittenen Demütigungen entschädigt. Ein Geheimnis, das die morschen Grundfesten des Ortes zum Einsturz brächte, sollte es bekannt werden. Ein Geheimnis, das sich der Autor als augenzwinkernde Meta-Ebene des Romans erdacht hat.

Die Gescheiterte unter den Gescheiterten
Adele Centini hatte es fast geschafft, dem einsamen Elend Le Cases zu entkommen und mit einem gescheiterten Leben immer noch hier festhängt. »In jener Zeit lernte ich das Wesen der Maremma-Bewohner kennen: einig, wenn es darum ging, sich nicht in die Angelegenheiten des anderen einzumischen, und noch einiger, wenn es darum ging, jemanden, der einen Fehler begangen hat, zu bestrafen. Ist man in dieser Gegend einmal gebrandmarkt, stirbt man nicht nur einen Tod, sie lassen sich jeden Tag dafür büßen.«

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Die verlorenen Millionen
Renato Staccioli betreibt den Tabakladen des Dorfes und er hasst sein Leben – seit dem Tag, an dem er mit einem Los der staatlichen Lotterie die Millionen des Hauptgewinns gewonnen hätte. Hätte. Denn seine Träume von einem besseren Leben anderswo lösten sich in Luft auf – der Spielschein war irgendwo auf seinen Wegen durch Le Case verloren gegangen. Es ist viele Jahre her, aber niemand hat je herausgefunden, wer mit dem gefundenen Los stattdessen die Millionen erhielt. Auch Renato wird es nie erfahren. Wir schon. 

Der Schachspieler im Due Porte
Niccodemo Tempesti hat es mit seinem Schachtalent hinaus in die Welt geschafft – hinaus zu den großen Turnieren in den leuchtenden Städten. Dabei heißt er eigentlich ganz anders und ist vor langer Zeit, in den letzten Monaten des Krieges nur durch Zufall in Le Case gelandet. Aber das wissen nur er und seine Mutter. Und wir. Jetzt ist er alt und verbraucht und verbringt seine Tage im Due Porte, der Bar von Le Case. 

Der Motorradfahrer
Ein zwar loser, aber ein roter Faden des Romans ist Samuele, ein junger Mann, der mit seinem Motorrad gleich zu Beginn der Handlung die steilen Kurven nach Le Case hinaufrast (mit einer dieser Kurven hat es eine ganz besondere Bewandtnis, aber das würde langsam den Rahmen des Blogbeitrags sprengen) und sich in seinem leerstehenden Elternhaus verbarrikadiert – misstrauisch beäugt von der Dorfgemeinschaft. Über sein Leben werden wir eine ganze Menge erfahren, in seiner Person laufen zahlreiche der Handlungsstränge zusammen. Er dachte es geschafft und Le Case endlich hinter sich gelassen zu haben – aber die Maremma holt sie alle wieder ein. 

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Das sind jetzt nur ein paar der Dorfbewohner, die wir als Leser Kapitel für Kapitel kennenlernen. Ich hoffe, dass die kurzen Vorstellungen zumindest einen kleinen Einblick in die zahlreichen Handlungsstränge geben konnten – sie sind nur ein winziger Bruchteil all der Verwerfungen, Dramen und Schicksale, von denen wir auf 570 Seiten erfahren und die sich alle miteinander verknüpfen. »Hinter verschlossenen Türen« ist komplexer und vielschichtiger, als dass man dem Buch mit einem Blogbeitrag gerecht werden könnte. Sacha Naspini hat mit diesem Roman ein kunstvoll arrangiertes Tableau einer Dorfgemeinschaft geschaffen. Einer Dorfgemeinschaft, die bei genauerem Hinsehen nur eines vereint: Der Hass auf das Schicksal, das sie auf diesem gottverlassenen Flecken Erde hat stranden lassen. In einem Dorf am Ende der Welt. In einem Leben ohne Träume.

»Die Wahrheit ist, dass es in Le Case Dinge gibt, die einen auch nach sechzig Jahren einholen können. Sie sind vor deiner Zeit entstanden und halten jeder Witterung stand, um im richtigen Moment vor deiner Nase hochzugehen. Le Case ist ein Ort voller Minen, die größte bleibt das madige Hirn derjenigen, die hier leben.«

Ein starker, bitterböser Roman, brillant erzählt und eine ganz große Leseempfehlung.

Buchinformation
Sacha Naspini, Hinter verschlossenen Türen
Aus dem Italienischen vn Mirjam Bitter udn Henrieke Markert
Kein & Aber Verlag
ISBN 978-3-0369-5014-3

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In der Wüste ist das Licht zu Hause

James Anderson: Desert Moon

»Ich lese keine Krimis.« Diesen Satz höre ich regelmäßig und er trifft bei mir auf völliges Unverständnis. Denn ich finde es schade, wenn man als Leser solche Genre-Schranken im Kopf hat. Natürlich verstehe ich gut, dass einem nicht der Sinn steht nach Gemetzel, brutalen Schilderungen von Morden oder detailliert beschriebenen Folterszenen – mit Büchern dieser Art kann ich auch nichts anfangen. Aber Kriminalliteratur ist so viel mehr: Es gibt darunter sprachlich grandios erzählte Meisterwerke, brillant recherchierte Reisen in die Vergangenheit oder Gesellschaftsstudien, bei denen das Spannungselement lediglich das Vehikel ist, mit dem wir eine uns unbekannte Welt erkunden können. Ein schönes Beispiel dafür ist der Roman »Desert Moon« von James Anderson, erschienen im Polar-Verlag. »Kriminalroman« steht auf dem Buchcover. Das ist er. Und gleichzeitig so viel mehr. „In der Wüste ist das Licht zu Hause“ weiterlesen

Das rote Glas der Pfaueninsel

Florian Illies: Traeume aus Feuer

Wenn man sich für Bücher und Literatur begeistert, in einem Blog darüber schreibt und gleichzeitig in der Verlagsbranche arbeitet, dann kann es vorkommen, dass sich manchmal Privates und Berufliches miteinander vermischen. Und dann besucht man an einem frühsommerlichen Tag im Mai einen ganz besonderen, zauberhaften Ort, ist umgeben von buchaffinen Menschen und taucht mit allen Sinnen tief ein in die Vergangenheit. Der Ort, das ist die Pfaueninsel bei Berlin. Und auf die Reise weit zurück in die Geschichte schickte uns das Buch »Träume aus Feuer« von Florian Illies. Aber der Reihe nach. 

Die Pfaueninsel liegt in der Havel, die zwischen Berlin und Potsdam eher wie ein großer See wirkt. Etwa eineinhalb Kilometer ist sie lang und wie aus der Zeit gefallen, eine grüne Idylle, verwunschen, friedlich und trotz der Nähe zu Berlin vollkommen abgelegen – bis heute ist die Insel nur per Schiff zu erreichen. Per Fußgängerfähre, um genau zu sein; sechs Euro hin und zurück, um 18 Uhr fährt sie zum letzten Mal ans Festland. Danach gehört die Insel den Pfauen, die sie bevölkern und die Handvoll Menschen, die als Verwalter und Gärtner permanent auf dem Eiland leben, würdevoll bei sich dulden. Vom Ende des 18. Jahrhunderts an war die Pfaueninsel ein Rückzugsort für Mitglieder des preußischen Königshauses; das kleine Schloss, ein paar verstreut gelegene Gebäude im Stil des Klassizismus, der Rosengarten des berühmten Gartengestalters Peter Joseph Lenné und zahlreiche durch den Wald geschlagene Sichtachsen zeugen noch heute davon. Eine Insel als preußisches Arkadien, ein Refugium fernab von den Mühen der Welt – diese Anmutung hat sich bis in unsere Gegenwart erhalten. „Das rote Glas der Pfaueninsel“ weiterlesen

In der Zeitschleife

»Suedkurier« vom 18. September 1968

Es sind eigentlich nur ein paar Blätter Papier und doch so viel mehr als das. Ein Blick zurück durch die Jahrzehnte. Eine Pforte für eine gedankliche Zeitreise, verbunden mit dem Gefühl, gleichzeitig in einer immer gleichen Zeitschleife festzustecken. Oder ganz profan: Eine alte Zeitung, eine Ausgabe des »Südkurier« vom 18. September 1968. Aber der Reihe nach.

Kürzlich war ich damit beschäftigt, zusammen mit meinem Bruder unser Elternhaus final aufzulösen. Die letzten beweglichen Dinge wurden zusammengetragen, dabei öffnete ich eine Holztruhe. Sie war leer, nur der Boden mit Zeitungspapier ausgelegt. Mit jener Ausgabe des »Südkurier«, der wichtigsten Regionalzeitung im Konstanzer Raum, die unsere Mutter ihr ganzes Erwachsenenleben lang abonniert hatte.

Ich nahm die Blätter heraus, wollte sie schon auf den Haufen mit dem Altpapier werfen, als mein Blick auf die Schlagzeile fiel. Dann auf die Überschrift und den Kommentar daneben, dann auf weitere Meldungen. Und das war so faszinierend, dass ich mich in einer achtundfünfzig Jahre alten Tageszeitung festgelesen habe. Hier ein paar Auszüge. „In der Zeitschleife“ weiterlesen

Gelebte Leben

Elizabeth Strout: Die langen Abende

»Intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte.« Dieses Zitat von Henry David Thoreau wurde 1989 durch den Film »Der Club der toten Dichter« weltbekannt. Auf mich wirkten die Sätze damals wie ein Faustschlag – es war die Zeit des Aufbruchs in das Erwachsenenleben, in das ich gerade vollkommen planlos hineinstolperte. Und die mahnenden Worte »Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte« waren prägend für mein Leben, ich habe sie nie wieder vergessen. Bewusst oder unbewusst ließen sie mich die Veränderung lieben und den Stillstand fürchten, sorgten für Entscheidungen aus dem Bauchgefühl heraus, für Aufbrüche ins Ungewisse, für große Umwege – und damit für unzählige Erfahrungen, von denen ich keine einzige missen möchte. Beim Lesen des Romans »Die langen Abende« von Elizabeth Strout musste ich unwillkürlich an Thoreaus Sätze denken, denn viele der Personen, die das Buch bevölkern, sind Menschen in der Endphase ihres Lebens. Und die Frage, ob das jetzt tatsächlich alles gewesen war, schwingt in ihren Gedanken und in ihrem Handeln mit. „Gelebte Leben“ weiterlesen

Literatur verbindet

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Literatur verbindet Menschen. Diese Erkenntnis mag nicht neu sein, aber selten habe ich dies so unmittelbar gespürt wie bei unserer Leipziger Wohnzimmerlesung. Wie immer – so kann man inzwischen sagen – stellt mein guter Freund Hannes Lehner während der Leipziger Buchmesse sein Wohnzimmer für eine Lesung zur Verfügung, die wir gemeinsam organisieren. Zu Gast war dieses Jahr die Autorin Anne Stern mit ihrem Roman »Die weiße Nacht«. Und wie immer war das Wohnzimmer leergeräumt und mit Bierbänken ausgestattet. Wie immer war der Raum mit etwas mehr als dreißig Personen proppenvoll. Wie immer war die Atmosphäre ganz und war wunderbar. Und wie immer kannten wir einen Teil der Anwesenden überhaupt nicht, es waren Menschen, die über die Ankündigungen im Leipzig-liest-Programm, über Postings in den sozialen Medien oder über den Veranstaltungs-Newsletter des Verlags den Weg ins Wohnzimmer gefunden hatten. Dieses Mal waren etwa zwei Drittel der Lesungsgäste Unbekannte; mehr als in den Jahren zuvor – aber es fühlte sich gar nicht so an. Hannes brachte es bei seiner Begrüßung auf den Punkt: Gerade in Zeiten großer Ungewissheiten wie diesen sei es ihm eine große Freude, seine Wohnung zur Verfügung zu stellen, damit einander fremde Menschen für einen Moment zusammenfinden, miteinander ins Gespräch kommen, sich über Bücher austauschen, ein Glas Wein gemeinsam trinken. Denn dieses Miteinander sei das, auf was es ankommt. In diesem Augenblick waren wir alle in diesem Raum eine Gemeinschaft. Und dann redeten Anne Stern und ich über ihr Buch. „Literatur verbindet“ weiterlesen

Kaffeesatzlesen für eine Dekade: Zehn Jahre später

Im März 2016 erschien ein Text von mir in der Zeitschrift »Streifband«, dem Magazin des Studienganges Buchherstellung an der HTWK Leipzig. Er trug den Titel »Kaffeesatzlesen für die nächste Dekade«. Ich war gebeten worden, einen Beitrag über die Zukunft der Buchbranche zu schreiben – eine ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe. Um sie einigermaßen meistern zu können, hatte ich damals den Betrachtungszeitraum auf eine Dekade eingegrenzt. Und wie die Zeit vergeht: diese zehn Jahre sind nun vorbei. Ein schöner Anlass, sich den damaligen Text noch einmal anzuschauen und mit unserer heutigen Realität abzugleichen. Der Originaltext ist jeweils mit »Kaffeesatz2016« markiert und in einer anderen Farbe gesetzt. „Kaffeesatzlesen für eine Dekade: Zehn Jahre später“ weiterlesen

In Berlin gewesen. Bücher gekauft.

Deutscher Buchhandlungspreis

Die Buchhandlungslandschaft in Deutschland ist einzigartig in der Welt. Nirgendwo sonst gibt es ein solch dichtes Netz an unabhängigen und inhabergeführten Buchhandlungen. Doch das ist keine Selbstverständlichkeit, denn es sind fragile Handelsstrukturen. Unabhängige Buchhandlungen stehen unter großem Druck; auf der einen Seite das zunehmend schwierigere Umfeld in verödenden Innenstädten, steigende Kosten bei gleichbleibenden Gewinnmargen, die ohnehin nicht üppig sind, fehlende Nachfolger, wenn die altgedienten Inhaber in Ruhestand gehen. Hier springt zwar immer häufiger Thalia ein und übernimmt mittelständische Buchhandlungen, aber das geht letztendlich auf Kosten der Vielfalt. 

Vielfalt ist ein gutes Stichwort: Jede Buchhandlung in unseren Städten ist nicht nur ein Schaufenster für Literatur und Bücher, sondern trägt aktiv zur Meinungsvielfalt in unserem Land bei. Denn jede unabhängige Buchhandlung hat ihr eigenes Profil – nicht umsonst heißt der Beruf offiziell »Sortimentsbuchhändler«, geht es doch darum, ein kuratiertes Sortiment zusammenzustellen. Die Buchhandlungslandschaft ist daher ein bedeutender Teil unserer Kulturlandschaft. Um dies nicht nur ideell, sondern auch materiell zu unterstützen, gibt es seit 2015 den Deutschen Buchhandlungspreis. Eine Jury wählt dafür 118 Buchhandlungen aus, von denen hundert ein Preisgeld in Höhe von 7.000 Euro erhalten, fünf Buchhandlungen ein Preisgeld von 15.000 Euro und drei Buchhandlungen ein Preisgeld von 25.000 Euro. In einer Branche, die von Idealismus bis zur Selbstausbeutung geprägt ist, sind dies handfeste Preisgelder. 

Eine feine Sache ist dieser Preis. Zumindest war er das bis zu diesem Jahr. Am 10. Februar 2026 wurden die Buchhandlungen bekannt gegeben, die den Preis erhalten sollen. Sie wurden von einer unabhängigen Jury aus 483 Bewerbungen ausgewählt. Same procedure as every year? Nicht dieses Mal. Denn knapp drei Wochen später überschlugen sich die Ereignisse und was dann geschehen ist, dürften die meisten buchaffinen Menschen mitbekommen haben. Daher soll es hier vor allem darum gehen, Stimmen und Statements zu sammeln, um zumindest einen kleinen Überblick über die Geschehnisse zu geben. „In Berlin gewesen. Bücher gekauft.“ weiterlesen

Schlamm und Drohnen

Szczepan Twardoch: Die Nulllinie - Roman aus dem Krieg

1.461 Tage. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen überzieht das russische Terrorregime die Ukraine mit Krieg. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen werden ukrainische Städte, Dörfer, Landstriche verwüstet, sterben Menschen. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen leidet die ukrainische Bevölkerung unter Drohnen- und Raketenangriffen, unter zerstörter Infrastruktur, unter dem Horror des Angriffs eines größenwahnsinnigen Despoten. Seit vier Jahren tobt ein Krieg in Europa. Oder vielmehr: Seit vier Jahren führt Russland einen Krieg gegen Europa. Die Nachrichten darüber gehören inzwischen zum Alltag – so sehr, dass vielen von uns gar nicht mehr bewusst ist, was da eigentlich gerade geschieht, dort, weit im Osten unseres Kontinents. Der Roman »Die Nulllinie« von Szczepan Twardoch ändert das. Ändert das sehr drastisch – denn er schickt uns an jene Nulllinie, die nur ein anderes Wort ist für Front oder für Niemandsland. „Schlamm und Drohnen“ weiterlesen

Über Haltung in schwierigen Zeiten

Timothy Snyder: Ueber Tyrannei - Zwanzig Lektionen fuer den Widerstand

Ich bin wütend. Wütend auf den persönlichkeitsgestörten Widerling, der zusammen mit seiner Entourage das Weiße Haus beschmutzt. Wütend auf den Verbrecher im Kreml, der nicht nur einen Krieg in, sondern gegen Europa führt. Wütend auf die Mörder-Mullahs in Teheran, die ihr eigenes Volk massakrieren lassen. Wütend auf die obszöne Clique der Tech-Milliardäre, die der Meinung sind, sie könnten sich unsere Welt kaufen und nach ihrem Geschmack umgestalten. Wütend auf alte und neue Nazis. Wütend auf die AfD-Wähler, die ihre Stimme einer Partei geben, die nicht nur für reaktionären Bullshit, sondern auch für Inkompetenz und Landesverrat steht. Wütend auf die »Free Palestine«-Bubble, deren Mitläufer sich mit ihrem dumpfen, antisemitischen Hass zu nützlichen Idioten des Islamofaschismus machen. Und sich dabei tatsächlich für »links« halten. Wütend auf all diejenigen, die dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Gräben in unserem Land immer tiefer werden. Und wütend auf die, die nichts dagegen unternehmen. Wütend auf Schmierblätter der Ewiggestrigen, die sich seltsamerweise »Junge Freiheit« oder »Junge Welt« nennen. Wütend auf den giftigen Dreck, der über Portale wie »Nius« oder »Tichys Einblick« verbreitet wird, diese Furunkel unserer Medienlandschaft. Wütend auf die Menschen, die diesen Unsinn tatsächlich glauben. Wütend auf all diejenigen, die Tag für Tag daran arbeiten, die Erde zu einem schlechteren Ort zu machen. 

Das hat gut getan. Dabei könnte ich noch eine Weile so weitermachen, die Wut auf den Zustand unserer Welt ist seit langem zu einem permanenten Begleiter geworden. Nur noch vage erinnere ich mich an das Gefühl des Aufbruchs in eine bessere Zeit, an das Gefühl der Leichtigkeit, mit dem ich im Jahr 1990 in das Erwachsenenleben gestartet bin. Und das sich nach und nach verflüchtigte und angesichts der heutigen Zeit kaum noch vorstellbar ist. Stattdessen: Sorge. Furcht. Und Wut. Doch es ist die Wut der Ohnmächtigen. Eine Wut, die nichts bewirkt. Dachte ich jedenfalls bis vor ein paar Tagen. Bis ein schmales Buch für eine neue Perspektive gesorgt hat. Es lag schon lange auf einem Stapel vor dem Bücherregal, ich habe es an einem Sonntagnachmittag in kürzester Zeit durchgelesen – wie gesagt, es ist schmal, es sind lediglich 126 Seiten. Aber die haben es in sich. Es handelt sich um den Titel »Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand« von Timothy Snyder. „Über Haltung in schwierigen Zeiten“ weiterlesen