In Berlin gewesen. Bücher gekauft.

Deutscher Buchhandlungspreis

Die Buchhandlungslandschaft in Deutschland ist einzigartig in der Welt. Nirgendwo sonst gibt es ein solch dichtes Netz an unabhängigen und inhabergeführten Buchhandlungen. Doch das ist keine Selbstverständlichkeit, denn es sind fragile Handelsstrukturen. Unabhängige Buchhandlungen stehen unter großem Druck; auf der einen Seite das zunehmend schwierigere Umfeld in verödenden Innenstädten, steigende Kosten bei gleichbleibenden Gewinnmargen, die ohnehin nicht üppig sind, fehlende Nachfolger, wenn die altgedienten Inhaber in Ruhestand gehen. Hier springt zwar immer häufiger Thalia ein und übernimmt mittelständische Buchhandlungen, aber das geht letztendlich auf Kosten der Vielfalt. 

Vielfalt ist ein gutes Stichwort: Jede Buchhandlung in unseren Städten ist nicht nur ein Schaufenster für Literatur und Bücher, sondern trägt aktiv zur Meinungsvielfalt in unserem Land bei. Denn jede unabhängige Buchhandlung hat ihr eigenes Profil – nicht umsonst heißt der Beruf offiziell »Sortimentsbuchhändler«, geht es doch darum, ein kuratiertes Sortiment zusammenzustellen. Die Buchhandlungslandschaft ist daher ein bedeutender Teil unserer Kulturlandschaft. Um dies nicht nur ideell, sondern auch materiell zu unterstützen, gibt es seit 2015 den Deutschen Buchhandlungspreis. Eine Jury wählt dafür 118 Buchhandlungen aus, von denen hundert ein Preisgeld in Höhe von 7.000 Euro erhalten, fünf Buchhandlungen ein Preisgeld von 15.000 Euro und drei Buchhandlungen ein Preisgeld von 25.000 Euro. In einer Branche, die von Idealismus bis zur Selbstausbeutung geprägt ist, sind dies handfeste Preisgelder. 

Eine feine Sache ist dieser Preis. Zumindest war er das bis zu diesem Jahr. Am 10. Februar 2026 wurden die Buchhandlungen bekannt gegeben, die den Preis erhalten sollen. Sie wurden von einer unabhängigen Jury aus 483 Bewerbungen ausgewählt. Same procedure as every year? Nicht dieses Mal. Denn knapp drei Wochen später überschlugen sich die Ereignisse und was dann geschehen ist, dürften die meisten buchaffinen Menschen mitbekommen haben. Daher soll es hier vor allem darum gehen, Stimmen und Statements zu sammeln, um zumindest einen kleinen Überblick über die Geschehnisse zu geben. 

Am 3. März 2026 erfuhren drei der 118 Gewinner-Buchhandlungen aus der Presse, dass Kulturstaatsminister Wolfram Weimer in die Jury-Entscheidung hineingegrätscht ist und sie von der Liste gestrichen hatte. Die fadenscheinige Begründung waren angeblich vorliegende Erkenntnisse des Verfassungsschutzes. Es handelt sich dabei um die Buchhandlungen Zur schwankenden Weltkugel in Berlin, Golden Shop in Bremen und Rote Straße in Göttingen. Alle drei führen neben der Belletristik ein fein sortiertes Sortiment an Sachbüchern, vor allem zu linken Themen. Wie genau die »verfassungsschutzrechtlichen Erkenntnisse« aussehen sollen, wurde nicht kommuniziert und ist bis heute auch nicht bekannt. Nicht einmal bei Herrn Weimer selbst, wie Patrick Bahners in der FAZ vom 6. März süffisant schrieb: »Wolfram Weimer bleibt sich treu: Er ist sich seiner Sache sicher, weil er sie nicht kennt.« Zustande gekommen sind sie durch das sogenannte »Haber-Verfahren«, eine umstrittene Vorgehensweise, bei der alles im Ungefähren bleibt und, die den Betroffenen nicht ermöglicht, sich dazu zu äußern oder auch nur Einblick zu erhalten.

Vermutlich hat bei Weimer schon das Attribut »links« für Unruhe gesorgt, gehört der Inhaber dieses für unser Kulturleben wichtigen Amtes doch zum Gründungsteam der rechtskonservativen Zeitschrift »Cicero« und ist Verfasser von Büchern mit Titeln wie »Das Konservative Manifest« oder »Freiheit, Gleichheit, Bürgerlichkeit«. Denkbar schlechte Voraussetzungen für einen Job, bei dem es um Meinungsvielfalt geht. 

Allerdings hat sich Wolfram Weimer mit seiner Entscheidung mit der falschen Branche angelegt. Denn es ist ein ungeheuerlicher Vorgang: Weil ihm die Auswahl nicht passte, korrigiert ein Beauftragter der Bundesregierung die Entscheidung einer unabhängigen Jury. Und was unmittelbar darauf folgte, war eine wahrer Sturm der Entrüstung. Es ist kaum möglich, alle Reaktionen und Wortmeldungen zu dokumentieren, so viele sind es. 

»Rote Karte für Gesinnungsschnüffelei«

Am 4. März 2026 veröffentlichte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der Dachverband unserer Branche, ein erstes Statement: »Die Kunst- und Meinungsfreiheit sind für die Arbeit der Buchhandlungen und unsere gesamte Gesellschaft von größter Bedeutung. Umso wichtiger ist es, dass Entscheidungen über Preisträger transparent und primär an kulturellen Kriterien ausgerichtet sind.« In der Süddeutschen Zeitung ergänzte Börsenvereins-Vorsteher Sebastian Guggolz, dass Weimer mit seiner Vorgehensweise Weimer »die Verfassung, den Verfassungsschutz und diesen Preis« beschädige.

Ebenfalls unmittelbar nach dem Eklat schrieb die Kurt-Wolff-Stiftung – einer der maßgeblichen Initiatoren des Preises – in einer Presseerklärung: »Die drei betroffenen Buchhandlungen Golden Shop (Bremen), Rote Straße (Göttingen) und Zur schwankenden Weltkugel (Berlin), sind seit vielen Jahrzehnten mit ihrem Engagement und ihrem Sortiment ein fester Bestandteil des deutschen Buchhandels und jeweils bedeutende Ankerpunkte der lokalen Kulturvermittlung. Gerade diese Buchhandlungen sorgen mit ihrem Angebot abseits des Mainstreams exemplarisch für die Sichtbarkeit von Vielfalt. Sie setzen sich mit ihrer Arbeit für die in einer Demokratie grundlegenden Prinzipien Meinungsfreiheit, Freiheit von Kunst und Literatur und für die Möglichkeit der Meinungsbildung ein und haben die Auszeichnung daher mehr als verdient. Sie ihnen aufgrund von Bedenken, die nicht einmal mitgeteilt werden, vorzuenthalten ist mehr als bedenklich – auch im Hinblick auf kommende Kulturpreisverleihungen.«

Ein paar Tage später wird der Börsenverein-Landesverband Berlin-Brandenburg deutlicher: »Wir zeigen Gesinnungsschnüffelei die Rote Karte und fordern den Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien auf, seiner Aufgabe als Förderer der Kultur gerecht zu werden und nicht als Kulturkämpfer zu agieren.«

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch schreibt auf Instagram: »Mit Sorge betrachten wir den intransparenten Eingriff des BKM bei der Vergabe des Deutschen Buchhandlungspreises und die daraus folgende Stigmatisierung dreier Buchhandlungen. Dass sie ohne Angabe von Kriterien und Gründen von der Liste der Preisträger gestrichen werden, ist nicht akzeptabel. Wir erwarten eine Aufklärung seitens des BKM.«

Hanser-Verleger Jo Lendle bringt es in der Süddeutschen Zeitung auf den Punkt: »Kulturpreise sind kein Ort der Terrorabwehr.«

PEN Berlin stellt in einer Presseerklärung grundsätzliche Fragen: »Hält der Kulturstaatsminister das Bundesamt für Verfassungsschutz für kompetent, die Arbeit von Kultureinrichtungen zu bewerten? Falls ja: Muss man davon ausgehen, dass demnächst Theater, die Stücke von Bertolt Brecht oder Heiner Müller spielen, oder die Wagner-Festspiele in Bayreuth vom Verfassungsschutz beobachtet werden?« Und weiter: »Lässt sich der Kulturstaatsminister in seinen Entscheidungen von der AfD oder von einer Meldestelle im Wartestand wie Nius treiben, die im Herbst eine Kampagne gegen linke Buchverlage gestartet hat?«

Rainer Moritz, langjähriger Leiter des Hamburger Literaturhauses, schreibt in einem Statement über »Die Zerstörung eines Preises«: »Vielleicht sollte man ihn daran erinnern, dass er nicht zum Staatsminister bestellt wurde, um nach amerikanischem Vorbild Kulturkämpfe anzuzetteln. Für Kultur einzutreten heißt, Vielfalt und einen sehr breiten Meinungskorridor zuzulassen, ja diesen als Bereicherung zu empfinden. Das gilt gerade für den Buchhandel, egal, ob er linke, rechte oder gar keine Überzeugungen vertritt. Staatsminister Weimer hat das nicht einmal im Ansatz verstanden.«

Die von Weimer brüskierte Jury des Deutschen Buchhandlungspreises distanzierte sich vehement von der Vorgehensweise des Kulturstaatsministers. Sie steht zu der von ihr getroffenen Auswahl und wird die drei nun leeren Plätze daher auch nicht nachnominieren. 

Gleichzeitig werden die sozialen Medien, allen voran Instagram, geflutet mit unzähligen Solidaritätsbotschaften von anderen Buchhandlungen. Eine kleine Auswahl. 

Autorenbuchhandlung Berlin: »Alle drei Buchhandlungen stehen politisch links, sind über ihren Kiez hinaus bekannt und geschätzt für ihr Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und Sexismus und stehen für eine wehrhafte Demokratie und Meinungsfreiheit. Das Eingreifen des BKM in die Entscheidung der unabhängigen Jury ist nicht nachvollziehbar und besorgniserregend.«

Buchladen am Freiheitsplatz, Hanau: »Das Schlimmste ist das Signal, das von der Maßnahme des BKM ausgeht, nämlich, dass im Kunst- und Kulturleben Wohlverhalten erwartet wird. Wenn Buchhandlungen oder Verlage dies realisieren (z.B. um prämiert zu werden, morgen vielleicht, um eine Auftragsvergabe zu erlangen), ist das mit Meinungs- und Kunstfreiheit nicht zu vereinbaren.«

Aegis Buchhandlung, Ulm: »Wo Buchhandlungen unter Verdacht geraten, gerät die Freiheit unter Druck.«

Glockenbachbuchhandlung, München: »Diesen Eingriff dürfen wir uns unabhängigen Buchläden nicht gefallen lassen und fordern die sofortige Rücknahme der Abzeichnung der drei Buchhandlungen! Sollte die Abzeichnung nicht zurückgenommen werden, ist die Glockenbachbuchhandlung am Tag der Preisverleihung aus Protest geschlossen!«

Buchhandlung Degenhardt, Mönchengladbach: »Unsere Branche steht für Meinungsvielfalt und unabhängige Buchhandlungen sind Orte des offenen, kritischen Austauschs und stehen für die Vielfalt im literarischen Betrieb.
Der Kulturstaatsminister darf nicht zensieren.«

Buchladen Neusser Straße, Köln: »Monika Grütters hat seinerzeit den Preis ins Leben gerufen. Erschreckend und peinlich – von der Ausschreibung, über Festakt bis hin zur Zensur – wie ihn Wolfram Weiner ausgestaltet.« 

Buchhandlung Kapitel Zwei, Recklinghausen: »Unsere Freude, dieses Jahr selbst unter den Preisträger:innen zu sein, fühlt sich plötzlich schal an. Wir wollen sie uns aber nicht nehmen lassen. Sondern mit ALLEN 118 nominierten Buchhandlungen auf der Buchmesse in Leipzig Vielfalt und Verbindung feiern.«

Rotorbooks, Leipzig: »Den Ausschluss der Buchhandlungen vom Buchhandlungspreis durch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer verurteilen wir auf das Schärfste!«

Buchhandlung erLesen, Würzburg: »Der Kulturstaatsminister hat drei bereits ausgewählte Buchhandlungen vom Preis ausgeschlossen – mit Verweis auf ›verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse‹. Drei renommierte, linke Buchhandlungen, die schon einige Male mit diesem Preis geehrt wurden. Ohne Stellungnahme oder weitere Erklärungen. Das ist brandgefährlich und macht ratlos und fassungslos.« Aus Protest blieb die Buchhandlung am 11. März geschlossen. 

Bücher Weyer, Köln: »Wir empfinden das als einen Akt der Willkür, der die freiheitlich demokratische Grundordnung zerstört.«

Buchhandlung Buchstabe, Neustadt (Schleswig-Holstein): »Lieber Wolfram Weimer, wir haben ein schönes Schaufenster zum Thema Meinungsfreiheit gebaut. Kommen Sie rum, lesen hilft, versprochen! Grüße gehen raus an die drei Buchhandlungen The Golden Shop, Schwankende Weltkugel und Rote Straße, die von Kulturstaatsminister Weimer vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen wurden, und an alle anderen tollen unabhängigen Buchläden, die sich wie wir gegen den Rechtsruck stellen und für eine offene Gesellschaft einsetzen!«

Buchhandlung Ute Hentschel, Burscheid: »Was bedeutet es für kulturelle Vielfalt, wenn staatliche Stellen Preisentscheidungen nachträglich verändern? Buchhandlungen sollen Orte des offenen Austauschs sein. Wenn kulturelle Anerkennung plötzlich von sicherheitsbehördlichen Einschätzungen abhängt, entsteht ein Klima, das wir aus anderen Ländern kennen: Wo Kultur still wird, weil sie nicht weiß, welche Haltung als ›riskant‹ gilt. Es geht nicht darum, extreme Positionen zu schützen, sondern darum, wie frei Kultur in einer Demokratie sein darf. … Kultur braucht Räume, in denen Vielfalt nicht als Gefahr betrachtet wird, sondern als Grundlage einer lebendigen Gesellschaft. JETZT ERST RECHT!«

Ich könnte jetzt noch sehr, sehr lange weitere Zitate von Buchhändlerinnen und Buchhändlern sammeln, die mir alle in die Instagram-Timeline gespült wurden. Ebenso die von Verlagen, Leserinnen und Lesern. Aber ich glaube, die bisher aufgeführten geben einen guten Eindruck über die Empörung quer durch die Buchhandelslandschaft. Und ich bin sehr begeistert über die vielen Reaktionen, Proteste und Solidaritätserklärungen – auch wenn ich mir wünschen würde, dass sich auch die großen Ketten dazu äußern würden.  

Nächster Akt, noch eine Schippe draufgelegt. Und noch eine.

Am 10. März ging das Drama in den nächsten Akt. Die 115 übrig gebliebenen Buchhandlungen veröffentlichten eine gemeinsame Erklärung, in der sie entschieden gegen die Streichung protestieren und ihre Solidarität mit den ausgeschlossenen Buchhandlungen erklären. Außerdem kündigten sie an, zusammenzulegen, um den Kolleginnen und Kollegen das gestrichene Preisgeld zu ersetzen. In der Zwischenzeit hatten die drei betroffenen Buchhandlungen angekündigt, gemeinsam anwaltlich gegen die Streichung vorzugehen.

Am Nachmittag des 10. März kam dann die Verlautbarung, dass Weimer den Festakt der Preisverleihung während der Leipziger Buchmesse abgesagt hat. Stattdessen sollen die Urkunden per Post verschickt werden. Auf BlueSky brachte es der Autor Saša Stanišić auf den Punkt: »Inkompetenz, paternalisierende Übergriffigkeit, Willkür, Illiberalität, ideologische Einflussnahme auf Kultur, überhaupt Kulturfreiheit-Feindlichkeit, und jetzt auch noch SCHISS. Wir haben so viele schlechte Politiker, aber der Typ ist ja fast Kategorie Spahn.« 

Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, außer, dass am 11. März noch eine Schippe draufgelegt wurde – man mag es kaum glauben. Es kam heraus, dass aus dem Hause Weimer am 10. Februar 2026 an die drei ausgeschlossenen Buchhandlungen eine Mail versandt wurde, die sie darüber informierte, dass sie nicht für eine Auszeichnung ausgewählt wurden. Während gleichzeitig die Jury die drei nicht nur auf der Liste hatte, sondern zwei der Buchhandlungen sogar als »besonders herausragend« prämiert werden sollten – was einem Preisgeld von je 15.000 Euro entsprochen hätte. Es handelt sich dabei um die Buchhandlungen Golden Shop in Bremen und Rote Straße in Göttingen. Eine dreiste Lüge also von Seiten des Kulturstaatsministers, der von Tag zu Tag eine immer peinlichere Figur macht. 

Was bleibt, ist der Scherbenhaufen eines wunderbaren Preises. Ein Kulturstaatsminister, der mit seinem limitierten Weltbild für den Job schlichtweg nicht geeignet ist und besser heute als morgen zurücktreten sollte. Aber auch das Gefühl, eine großartige Welle der Solidarität erlebt zu haben. Und inzwischen kennt ganz Deutschland diese drei kleinen, unabhängigen Buchhandlungen. 

In Berlin gewesen. Bücher gekauft.

Am 4. und 5. März 2026 war ich beruflich in Berlin, gerade als der Eklat hochzukochen begann. Die Buchhandlung zur schwankenden Weltkugel lag nur knappe hundert Meter von meinem Arbeitsplatz entfernt – was lag näher, als gegen Mittag dort vorbeizuschauen und einen Buchkauf zu tätigen. Und dort war eine Menge los: Freunde der Buchhandlung schauten vorbei, es gab Umarmungen und Gespräche, ein ARD-Reporter stand mit einem Mikro im Laden, um nach einem Statement zu fragen und ich war bei weitem nicht der einzige, der mit neuerworbenen Büchern den Laden wieder verließ. 

Denn das ist das Beste, was wir als Leserinnen und Leser tun können, um dem unwürdigen Verhalten unseres Kulturstaatsministers etwas entgegenzusetzen: Bücher kaufen. 

Und gefeiert wird trotzdem: Der Hanser Verlag hat alle 118 nominierten Buchhandlungen zur Party während der Leipziger Buchmesse eingeladen. 

Golden Shop, Fehrfeld 4, 28203 Bremen

Buchladen Rote Straße, Nikolaikirchhof 7, 37073 Göttingen

Buchladen zur schwankenden Weltkugel, Kastanienallee 85, 10435 Berlin

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Schlamm und Drohnen

Szczepan Twardoch: Die Nulllinie - Roman aus dem Krieg

1.461 Tage. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen überzieht das russische Terrorregime die Ukraine mit Krieg. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen werden ukrainische Städte, Dörfer, Landstriche verwüstet, sterben Menschen. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen leidet die ukrainische Bevölkerung unter Drohnen- und Raketenangriffen, unter zerstörter Infrastruktur, unter dem Horror des Angriffs eines größenwahnsinnigen Despoten. Seit vier Jahren tobt ein Krieg in Europa. Oder vielmehr: Seit vier Jahren führt Russland einen Krieg gegen Europa. Die Nachrichten darüber gehören inzwischen zum Alltag – so sehr, dass vielen von uns gar nicht mehr bewusst ist, was da eigentlich gerade geschieht, dort, weit im Osten unseres Kontinents. Der Roman »Die Nulllinie« von Szczepan Twardoch ändert das. Ändert das sehr drastisch – denn er schickt uns an jene Nulllinie, die nur ein anderes Wort ist für Front oder für Niemandsland. „Schlamm und Drohnen“ weiterlesen

Über Haltung in schwierigen Zeiten

Timothy Snyder: Ueber Tyrannei - Zwanzig Lektionen fuer den Widerstand

Ich bin wütend. Wütend auf den persönlichkeitsgestörten Widerling, der zusammen mit seiner Entourage das Weiße Haus beschmutzt. Wütend auf den Verbrecher im Kreml, der nicht nur einen Krieg in, sondern gegen Europa führt. Wütend auf die Mörder-Mullahs in Teheran, die ihr eigenes Volk massakrieren lassen. Wütend auf die obszöne Clique der Tech-Milliardäre, die der Meinung sind, sie könnten sich unsere Welt kaufen und nach ihrem Geschmack umgestalten. Wütend auf alte und neue Nazis. Wütend auf die AfD-Wähler, die ihre Stimme einer Partei geben, die nicht nur für reaktionären Bullshit, sondern auch für Inkompetenz und Landesverrat steht. Wütend auf die »Free Palestine«-Bubble, deren Mitläufer sich mit ihrem dumpfen, antisemitischen Hass zu nützlichen Idioten des Islamofaschismus machen. Und sich dabei tatsächlich für »links« halten. Wütend auf all diejenigen, die dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Gräben in unserem Land immer tiefer werden. Und wütend auf die, die nichts dagegen unternehmen. Wütend auf Schmierblätter der Ewiggestrigen, die sich seltsamerweise »Junge Freiheit« oder »Junge Welt« nennen. Wütend auf den giftigen Dreck, der über Portale wie »Nius« oder »Tichys Einblick« verbreitet wird, diese Furunkel unserer Medienlandschaft. Wütend auf die Menschen, die diesen Unsinn tatsächlich glauben. Wütend auf all diejenigen, die Tag für Tag daran arbeiten, die Erde zu einem schlechteren Ort zu machen. 

Das hat gut getan. Dabei könnte ich noch eine Weile so weitermachen, die Wut auf den Zustand unserer Welt ist seit langem zu einem permanenten Begleiter geworden. Nur noch vage erinnere ich mich an das Gefühl des Aufbruchs in eine bessere Zeit, an das Gefühl der Leichtigkeit, mit dem ich im Jahr 1990 in das Erwachsenenleben gestartet bin. Und das sich nach und nach verflüchtigte und angesichts der heutigen Zeit kaum noch vorstellbar ist. Stattdessen: Sorge. Furcht. Und Wut. Doch es ist die Wut der Ohnmächtigen. Eine Wut, die nichts bewirkt. Dachte ich jedenfalls bis vor ein paar Tagen. Bis ein schmales Buch für eine neue Perspektive gesorgt hat. Es lag schon lange auf einem Stapel vor dem Bücherregal, ich habe es an einem Sonntagnachmittag in kürzester Zeit durchgelesen – wie gesagt, es ist schmal, es sind lediglich 126 Seiten. Aber die haben es in sich. Es handelt sich um den Titel »Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand« von Timothy Snyder. „Über Haltung in schwierigen Zeiten“ weiterlesen

Leipziger Wohnzimmerlesung 2026

Leipziger Wohnzimmerlesung

Schon eine kleine Tradition: Unsere Leipziger Wohnzimmerlesung.

Die Leipziger Buchmesse ist seit vielen Jahren ein fester Termin in meinem Kalender. Einer, auf den ich mich jedes Mal besonders freue – denn es ist immer wieder etwas Besonderes, all die literaturbegeisterten und buchaffinen Menschen zu treffen. Nicht nur auf dem Messegelände, sondern in der ganzen Stadt; in unzähligen Veranstaltungsorten, in Cafés, Kneipen, Restaurants, Clubs. Und im Wohnzimmer meines guten Freundes Hannes, der bei jedem Leipzig-Besuch mein Gastgeber ist.

Seit 2018 veranstalten wir bei ihm unsere Wohnzimmerlesungen, für die er den größten Raum seiner Wohnung leer räumt, ihn mit Bierbänken ausstattet und den Kühlschrank mit Getränken befüllt. Eine Autorin oder ein Autor tritt auf, ich habe das Vergnügen, die Moderation zu übernehmen, das Wohnzimmer ist voller Menschen, von denen wir nur die Hälfte kennen und es sind wunderbare Abende mit guten Gesprächen und spannenden Begegnungen. Mareike Fallwickl war bereits dabei (mit ihr fing alles an), Demian Lienhard, Stefan Ineichen mit seinem großartigen Buch »Principessa Mafalda«, Kai Meyer ließ im Leipziger Wohnzimmer das legendäre Leipziger Graphische Viertel wiederauferstehen und im letzten Jahr sprach ich mit Pierre Jarawan über seinen wunderbaren Roman »Frau im Mond«.

Diesmal ist am Donnerstag, 19. März 2026 die Autorin Anne Stern im Wohnzimmer zu Gast. Dabei hat sie ihren neuen Roman »Die weiße Nacht«, der uns Leser mitten hinein führt in das zerstörte Berlin des Jahres 1946. Mit den literarischen Mitteln eines Kriminalromans lässt sie eine Epoche des Umbruchs wiederauferstehen – als die Düsternis des Alten noch überall in den Trümmern zu spüren war und eine neue Zeit noch nicht begonnen hatte. Ein grandioses Buch, brillant recherchiert und ich freue mich schon riesig auf unser Gespräch darüber.


Wer dabei sein mag: Verbindliche Anmeldungen per E-Mail an hannes_lehner@icloud.com. Adresse und Informationen zur Wohnzimmerlesung werden dann mitgeteilt.

Es gibt 30 Plätze. Einlass ist ab 20 Uhr, Beginn um 20.30 Uhr.
Fünf Euro Unkostenbeitrag für Getränke.

Sehen wir uns? Es würde mich freuen.

Nichts ist, wie es scheint

Andreas Pflueger: Kaelter

Als 2016 der Roman »Endgültig« von Andreas Pflüger erschien, entschied sich der Suhrkamp Verlag zum ersten Mal in seiner Verlagsgeschichte, das Wort »Thriller« auf den Umschlag zu drucken. Es folgten die beiden Fortsetzungen »Niemals« und »Geblendet«, danach die Romane »Ritchie Girl« und »Wie Sterben geht«. Und »Kälter«, das neueste Werk, um das es in diesem Blogbeitrag gehen soll. Alle Titel haben etwas gemeinsam. Genau wie auf den Buchcovern angekündigt sind es Thriller. Außerordentlich spannende Thriller. Und jeder von ihnen ist auf seine Weise mehr als ein Thriller. Nämlich Kriminalliteratur vom Allerfeinsten, brillant geschrieben, mit einem perfekt komponierten Spannungsbogen. Und jeder Roman mit einer thematischen Besonderheit. „Nichts ist, wie es scheint“ weiterlesen

Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2025: Die besten Buecher

»Was lese ich als nächstes?« Dies ist für mich eine der schönsten Fragen, die es gibt. Manche Menschen planen ihre Lektüren im Voraus oder nehmen sich vor, während eines Jahres bestimmte Bücher zu lesen. Zu diesen gehöre ich nicht. Ganz im Gegenteil: Ich liebe es, vollkommen planlos von Buch zu Buch zu flanieren, mich durch fremde Welten, Zeiten und Leben treiben zu lassen. Mich vor das überquellende Buchregal zu stellen und in aller Ruhe zu überlegen, welches Buch gerade passen würde. Und wenn das Jahr zu Ende geht, ist eine bunte, spannende und so manches Mal überraschende Mischung an Lektüren zusammengekommen. Wie immer habe ich für diesen Rückblick meine persönlichen fünfzehn Favoriten zusammengestellt; es sind die Romane und Sachbücher, die mich 2025 am meisten bewegt, beschäftigt oder inspiriert haben. Und wie immer sind einige davon Neuerscheinungen gewesen, andere standen schon länger im Bücherregal und hatten auf den passenden Lesemoment gewartet. Und genau deshalb kann man gar nicht genug ungelesene Bücher zuhause haben. Ich nenne sie Lesevorräte.

Doch genug der langen Vorrede, das hier sind sie, meine persönlichen Lesehighlights des Jahres 2025. „Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher“ weiterlesen

Die Geschichten im Kopf

Die Geschichten, die im Kopf entstehen: Gespraech mit einem Fensterputzer

Auf dem Photo dieses Beitrags sind eine Menge Fenster zu sehen. Es handelt sich um eine Teilansicht des Verlagsgebäudes von Bastei Lübbe, inmitten des Carlswerks, einem ehemaligen Industrieareal im Kölner Stadtteil Mülheim. Das 1961 errichtete heutige Verlagshaus war früher das Verwaltungsgebäude des Fabrikgeländes, bis es 2010 für die Bedürfnisse eines modernen Medienunternehmens umgebaut wurde. Hinter einem der Fenster links oben befindet sich das Büro, in dem ich für den Eichborn Verlag arbeite, der zur Lübbe-Gruppe gehört. Zwei große Bücherregale prägen das Büro, sie sind gut gefüllt mit Exemplaren für die Presse, für Blogs oder Buchhandlungen und mit einem Archiv der Eichborn-Bücher aus den letzten Jahren. Ein Arbeitsplatz, umgeben von Büchern.

Zwei Mal im Jahr geht ein Trupp Fensterputzer durch das ganze Gebäude, das sechs Stockwerke hoch ist und wohl gute hundert Meter lang – es gibt für sie eine Menge zu tun. Und da Fensterputzen nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen im Haushalt gehört, bin ich jedes Mal tief beeindruckt, mit was für einer Geschwindigkeit man eine große Scheibe reinigen kann. Üblicherweise betritt einer der Jungs das Büro, erledigt seinen Job in wenigen Minuten und ist wieder weg. Einmal aber sind wir ins Gespräch gekommen und das möchte ich hier aufschreiben. „Die Geschichten im Kopf“ weiterlesen

In den Strudeln einer sterbenden Welt

Nelio Biedermann: Lázár

Am 27. August 2025 hörte ich zum ersten Mal von dem Buch. An diesem Tag erschien in der ZEIT eine Besprechung des Romans »Lázár« von Nelio Biedermann. »Ein großartiges und größenwahnsinniges Werk« urteilte der Rezensent Adam Soboczynski – und ich kann mich nicht erinnern, jemals solch eine begeisterte, geradezu hymnische Buchvorstellung in einem Feuilletonartikel gelesen zu haben. Und kurz danach war das Buch omnipräsent: Überall in der Presse, in zahlreichen Blogs und stapelweise in jeder Buchhandlung, das markante Buchcover war nirgends zu übersehen. Im Verlauf der Wochen vor der Frankfurter Buchmesse wurde ich mehrfach und von den unterschiedlichsten Menschen gefragt: »Und? Hast Du schon ›Lázár‹ gelesen?« Ich neige dazu, dass mich solche Hypes eher abschrecken, einige der hochgelobten Romane der letzten Jahre stehen noch ungelesen im Regal. Nicht, weil ich meinen Lesegeschmack für irgendwie außergewöhnlich halte, sondern weil ich dann jedes Mal das Gefühl habe, schon vorab so viel über ein Buch gehört zu haben, dass ich es gar nicht selbst lesen muss. In diesem Fall aber war ich wirklich neugierig geworden und in der Woche nach der Buchmesse verbrachte ich einen Nachmittag mit »Lázár«, saß lesend am Fenster, während der Regen dagegen prasselte. Und was soll ich sagen? Das Buch entwickelt sofort einen solchen Sog, dass ich vollkommen abgetaucht war und verzaubert von einer wahrlich außergewöhnlichen Sprache. „In den Strudeln einer sterbenden Welt“ weiterlesen

Wie ein Riss in der Leinwand

Gabriel Zuchtriegel: Vom Zauber des Untergangs | Robert Harris: Pompeji

Pompeji ist wohl einer der faszinierendsten Orte der Welt. Mein Besuch dort liegt schon einige Jahre zurück, aber ich kann mich so gut daran erinnern, als sei es erst vor ein paar Wochen gewesen. Auf alten, gepflasterten Straßen durch die Ruinenlandschaft flanieren, Blicke in Häuser, kleine Geschäfte und Werkstätten werfen: das Gefühl, unmittelbar durch den Alltag der Menschen zu laufen, die vor fast zweitausend Jahren dort gelebt haben, ist ein überwältigendes Gefühl. Und am Horizont hat man dabei stets den dunklen, drohenden Umriss des Vesuvs vor Augen, der vor dem großen Vulkanausbruch 79 n. Chr. noch wuchtiger ausgesehen haben muss. Die Zeugen dieser Katastrophe treffen wir dort noch an, die Gipsabgüsse der Menschen in der Stunde ihres Todes zeigen die Gewalt der Natur, die an diesem sommerlichen Unglückstag Pompeji zerstörte. Pompeji und die umliegenden Orte. Und sie in der Zerstörung durch den alles überdeckenden Asche- und Steinregen konservierte. Bis heute. 

Zwei Bücher stelle ich hier vor, die unterschiedlicher kaum sein können, die aber für mich perfekt zusammenpassen und die ich direkt hintereinander gelesen habe: »Vom Zauber des Untergangs« von Gabriel Zuchtriegel und »Pompeji« von Robert Harris. „Wie ein Riss in der Leinwand“ weiterlesen

Das Finale nach dem Finale

Volker Kutscher: Westend

Das habe ich noch nie erlebt: Man freut sich auf ein Buch, kann den Erscheinungstermin kaum erwarten – und als man es schließlich in der Hand hält, weiß man nicht, ob man es überhaupt lesen möchte. So ist es mir gegangen mit »Westend« von Volker Kutscher. Der Name dieses Autors ist hier schon oft gefallen, und wer schon eine Weile im Blog mitliest, der weiß, wie begeistert ich von seiner Buchreihe rund um den Ermittler Gereon Rath bin, die 2007 mit dem ersten Band »Der nasse Fisch« gestartet ist. Danach folgten neun weitere Bände; die Handlung ist im Berlin der Jahre 1929 bis 1938 angesiedelt und sie führt uns mitten hinein in die Dunkelheit des »Dritten Reiches«. Tatsächlich gibt es nur selten Romane, die das Leben in dieser Zeit so glaubwürdig schildern, wie diejenigen von Volker Kutscher. Aber das habe ich schon einmal aufgeschrieben, nachzulesen im Beitrag »Der Weg in die Finsternis«, in der ich die Serie komplett vorstelle und dabei erzähle, was die Bücher so besonders macht. Anlass für jenen Text war das Erscheinen des letzten, des zehnten Bands, der den schlichten Titel »Rath« trägt. Mein Fazit: »Der Schluss von ›Rath‹ ist so gelungen wie die gesamte Buchreihe. Ein dünner Rest Hoffnung bleibt, während Dunkelheit und Nebelschwaden alles verhüllen – wie ein prophetischer Blick auf das, was kommen wird.« 

Und genau so war es: Das Ende der Reihe ist perfekt. Es bleiben viele offene Fragen – und alles verliert sich in der Dunkelheit. Ein anderer Schluss wäre angesichts des komplexen Figurentableaus, das über zehn Bände aufgebaut wurde, nicht glaubwürdig und kaum denkbar gewesen. Und jetzt, ein Jahr später, liefert Volker Kutscher noch einen schmalen Band nach: »Westend« hat gerade einmal 104 Seiten Text und führt ins Jahr 1973, es sind also 35 Jahre vergangen seit dem Ende in der Buchreihe. „Das Finale nach dem Finale“ weiterlesen