Zu viele Bücher? Kann man niemals haben. Ein Textbaustein*

Zu viele Buecher kann man niemals haben

Manchmal, nicht oft, frage ich mich beim Blick auf die überquellenden Bücherregale oder auf die vielen, zum Teil schon bedenklich schwankenden Bücherstapel, wann ich das eigentlich alles lesen soll. Und dann kommt der nächste Buchhandlungsbesuch, bei dem ich Bücher entdecke, von denen ich bis kurz davor noch gar nicht wusste, dass ich sie unbedingt brauchen würde. Dann erscheint das neue Werk eines Lieblingsautors, einer Lieblingsautorin, das selbstverständlich auf keinen Fall in der Sammlung fehlen darf. Dann werde ich beim Bummel durch die Literaturblogs auf Bücher aufmerksam, die ich dringend benötige (sehr ergiebig sind etwa die Besuche bei Zeichen & Zeiten, Buch-Haltung, Bookster HRO, LiteraturReich oder bei der Klappentexterin, um nur einige zu nennen). Und schon ist ein neuer, ein weiterer Stapel entstanden. Und ehrlich gesagt, finde ich das ganz und gar wunderbar. Denn zu viele Bücher kann man gar nicht haben. Niemals. Höchstens zu wenig Platz, aber das ist ein anderes Thema. 

Für mich sind die überquellenden Bücherregale und die vielen Bücherstapel vor allem eines: Lesevorräte. Denn für jedes Buch gibt es den passenden Moment und um diesen herauszufinden, muss ich es natürlich erst einmal haben. Und irgendwann bin ich auf einen kurzen Text gestoßen, der dem leidenschaftlichen Büchersammler Umberto Eco zugeschrieben wird. Ich möchte ihn hier wiedergeben, denn ich fühle mich darin vollkommen verstanden.

»Es ist töricht zu glauben, man müsse alle Bücher lesen, die man kauft, genauso wie es töricht ist, diejenigen zu kritisieren, die mehr Bücher kaufen, als sie jemals lesen können. Das wäre so, als würde man sagen, man müsse erst jedes Besteckteil, jedes Glas, jeden Schraubenzieher oder jeden Bohrer benutzen, bevor man neue kauft. 

Es gibt Dinge im Leben, von denen man immer ausreichend Vorrat haben sollte, selbst wenn man nur einen kleinen Teil davon tatsächlich nutzt. Wenn wir Bücher zum Beispiel als Medizin betrachten, wird klar, warum es gut ist, viele von ihnen zu Hause zu haben statt nur wenige: Wenn man sich besser fühlen will, geht man zum ›Medizinschrank‹ und wählt ein Buch aus. Kein beliebiges, sondern genau das Richtige für diesen Moment. Deshalb sollte man immer Auswahl haben!

Wer nur ein einziges Buch kauft, es liest und anschließend wieder loswird, überträgt schlicht die Konsumentenlogik auf Bücher. Er betrachtet sie als Verbrauchsware, als ein Gut. Wer Bücher liebt, weiß hingegen: Ein Buch ist alles – nur keine Ware.«

Genau so ist es. Ich konnte zwar bisher keine verbindliche Quellenangabe ausfindig machen, aber es klingt sehr nach Umberto Eco. Im Laufe seines Lebens hatte er eine private Bibliothek zusammengestellt, die am Ende über 30.000 Bücher und etwa 1.500 antiquarische Werke umfasste. Seit Juli 2026, zehn Jahre nach Ecos Tod, ist seine Büchersammlung in Bologna untergebracht und öffentlich zugänglich. Sie gilt als eine der wichtigsten und umfangreichsten Autorenbibliotheken. Und war der Anlass für den Dokumentarfilm »Umberto Eco – Bibliothek der Welt«, der zum einen die fein sortierte Büchersammlung würdigt und gleichzeitig tief in das Schaffen Ecos eintaucht. 

Beim Schreiben dieses Beitrags musste ich an einen kurzen Moment denken, der nun schon etliche Jahre zurückliegt. Es war 1994, ich war als Buchhändler-Azubi das zweite Mal in meinem Leben auf der Frankfurter Buchmesse und irgendwie an eine Einladung zum Empfang des Beck Verlags gekommen. Dort, im Festsaal des Hotels Hessischer Hof, trat Umberto Eco auf, der gerade das Buch »Die Suche nach der vollkommenen Sprache« in der Reihe »Europa bauen« veröffentlicht hatte. Diese Reihe war ein groß angelegtes Projekt, dessen 18 Bände zwischen 1993 und 2002 gleichzeitig in fünf verschiedenen Sprachen bei fünf europäischen Verlagen erschienen sind: In Frankreich bei Le Seuil, in Großbritannien bei Blackwell, in Spanien bei Critica, in Italien bei Laterza und in Deutschland bei C.H. Beck. Man kann sich vorstellen, dass dies Dimensionen waren, die auf einen jungen Buchhandels-Azubi etwas einschüchternd wirkten. Aber gegen später stand ich irgendwann einmal direkt neben Umberto Eco und wir benutzten für unsere Zigaretten denselben Aschenbecher (damals wurde bei Empfängen und Verlagspartys noch überall geraucht). Ich meine, dass er mir da einmal kurz zugenickt hat, doch vielleicht habe ich mich auch getäuscht. Vergessen werde ich den Abend jedenfalls nie. Und sein Buch »Die Suche nach der vollkommenen Sprache« steht seitdem in meinem Bücherregal. Bis jetzt ungelesen.

Aber der richtige Moment wird kommen. 


*Hier im Blog Kaffeehaussitzer gibt es die Textbausteine, eine Sammlung von kurzen Passagen, Auszügen und Texten, die mir wichtig sind. Manche von ihnen begleiten mich schon seit vielen Jahren.

Die Pausenhofschläger stoppen

Wolf Iro: Was jetzt zaehlt - Gegen den alltaeglichen Rechtsextremismus

»Sollte die AfD im Herbst 2026 die Mehrheit in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern erlangen und das Amt des Ministerpräsidenten besetzen, kann niemand sagen, dass dies überraschend gekommen sei. Mit der höhnischen Freimütigkeit eines Pausenhofschlägers formuliert die Partei inzwischen ihre Absichten.« Dieses Zitat stammt aus »Was jetzt zählt« von Wolf Iro, eine – wie es der Wagenbach treffend nennt – Handreichung »Gegen den alltäglichen Rechtsextremismus«. Es ist ein schmaler Band, nur unwesentlich größer als ein Reclamheft, aber er hat es in sich: Er enthält eine Bestandsaufnahme unserer jetzigen politischen Situation, präzise formuliert und brillant auf den Punkt gebracht. Und die Bezeichnung »Handreichung« ist wörtlich gemeint, denn er liefert zahlreiche Handlungsempfehlungen. „Die Pausenhofschläger stoppen“ weiterlesen

Wenn die Maschine übernimmt

KI als Zerstoerer der menschlichen Kreativitaet

Kreativität ist eine zutiefst menschliche Eigenschaft, wenn nicht sogar diejenige, die uns zu Menschen macht. Daher sind Kunstwerke, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz zustande kommen, wertlos – egal, ob es sich um Bilder, um Musik oder um Literatur handelt. Nun wird es sicherlich Leute geben, die mir hier nicht zustimmen; tatsächlich meinte erst kürzlich jemand zu mir, dass ihn ein Text bewegen müsse und es ihm egal sei, woher er stamme oder ob er von einer Maschine geschrieben worden sei. Diese Einstellung hat mich ziemlich schockiert und der Satz beschäftigt mich seit Monaten. Ebenso wie das Unbehagen, dass er in mir ausgelöst hat. Ein Unbehagen, dass ich nicht richtig in Worte fassen konnte, auch wenn ich natürlich tagtäglich erlebe, wie tief ChatGPT & Konsorten bereits in unsere Leben eingedrungen sind – so, als würde man das Gehirn abschalten und aufhören selbst zu denken, um berufliche wie private Fragen zu klären.

Dann habe ich in der ZEIT ein Interview von Marlene Knobloch mit dem amerikanischen Autor Dave Eggers gelesen. Und mir wurde dabei erst so richtig klar, wie verheerend der KI-Einsatz in kreativen Prozessen eigentlich ist. „Wenn die Maschine übernimmt“ weiterlesen

Schon alles gesagt. Eigentlich.

Caro Claire Burke: Yesteryear

Über dieses Buch ist schon alles gesagt. Zumindest fühlt es sich so an, denn ich weiß nicht, wie viele Rezensionen, Buchvorstellungen und Texte über den weltweiten Bestseller »Yesteryear« von Caro Claire Burke in den letzten Monaten geschrieben wurden. Ziemlich viele jedenfalls, zumindest war der Roman eine Weile lang allgegenwärtig. Daher muss ich mich hier im Blog eigentlich nicht mehr dazu äußern, denn wer wollte das noch lesen? 

Ich muss nichts zu der Hauptperson aus »Yesteryear« sagen, der Ich-Erzählerin Natalie Heller Mills, die aus christlich-konservativer Familie stammt, mit ihrem Ehemann Caleb völlig abgelegen auf einer Farm lebt, dort eine Heile-Welt-Idylle mit klassischen Rollenbildern zelebriert und damit zu einer erfolgreichen Tradwife-Influencerin wird. „Schon alles gesagt. Eigentlich.“ weiterlesen

Bonjour Berlin-Tristesse

Sven Regener: Frankie und Freddie

Das war wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag auf einmal: Als vor ein paar Monaten die Nachricht kam, dass es einen neuen Herr-Lehmann-Roman von Sven Regener geben würde, war die Freude bei mir groß. Riesengroß. Und jetzt liegt »Frankie und Freddie« gelesen neben mir und das Lehmann-Universum ist um ein Kapitel reicher. Als ich 2001 den allerersten Band »Herr Lehmann« in die Hände bekam, fühlte es sich an, als würde ich mit dem Protagonisten Frank Lehmann und seinen planlos durch ihre Leben stolpernden Kumpels alte Freunde treffen. Und wer hier schon etwas länger mitliest, weiß, wie viel mir dieses Buch und die folgenden Bände bedeuten, es sind Romane, die mich seit Jahren begleiten. »Herr Lehmann« lese ich seit 2001 jedes Jahrs aufs Neue – es ist schon fast ein Ritual und ich freue mich jetzt schon auf das diesjährige Wiedersehen. Jetzt geht es aber erst einmal um »Frankie und Freddie«. „Bonjour Berlin-Tristesse“ weiterlesen

Sprachlos bergauf

Raffaella Romagnolo: Wir gehen mal los

Es ist nicht immer ganz einfach: Bespricht man einen Roman, möchte man neugierig auf das Buch machen, möchte Interesse für die Figuren und die Handlung wecken und gleichzeitig natürlich nicht zu viel vom Inhalt verraten. Nichts über unvorhergesehene Wendungen schreiben oder über überraschende Entwicklungen – sonst wäre der Reiz für diejenigen, die das Buch noch vor sich haben, schnell dahin. In den frühen Jahren dieses Blogs bin ich bei der ein oder anderen Rezension vor lauter Begeisterung etwas über das Ziel hinausgeschossen. Daher habe ich mir irgendwann angewöhnt, möglichst nicht viel mehr vom Inhalt preiszugeben, als im Klappentext steht. Beim Roman »Wir gehen mal los« von Raffaella Romagnolo war ich von jenem Klappentext allerdings etwas irritiert, denn die paar Sätze auf dem Buchumschlag verraten bereits die gesamte Konstellation der Geschichte.

Aber als ich das Buch dann gelesen habe, wurde mir klar, dass dies in diesem Fall gar nicht wichtig ist – denn auch wenn man weiß, was geschehen wird, entwickeln die Handlung und die wunderbare Sprache einen ganz eigenen Sog. Vielleicht auch, weil man es weiß. „Sprachlos bergauf“ weiterlesen

Ich packe meinen Koffer

Reisebibliothek

Reisebibliothek. Was für ein wunderbares Wort, es verbindet die beiden schönsten Beschäftigungen miteinander – das Lesen und das Reisen. Auf Wikipedia ist eine Definition zu finden, die wie folgt lautet: »Eine Reisebibliothek ist eine eigens zusammengestellte Anzahl oder Reihe von Büchern, die man mit auf eine Reise bzw. in den Urlaub nimmt, um währenddessen diese Zusammenstellung bequem verfügbar zu haben.« Und in der Tat ist die Auswahl der Bücher, die mit in den Urlaub gehen, für mich die wichtigste Reisevorbereitung überhaupt. Nutzt man den Zug oder das Flugzeug als Verkehrsmittel, ist die Menge naturgemäß begrenzt und man muss im Vorfeld gut überlegen, was passen könnte. Ab und zu – wie dieses Jahr – geht es aber auch mit dem Auto in den Urlaub und da gibt es ganz andere Möglichkeiten. „Ich packe meinen Koffer“ weiterlesen

Ein Dorf am Ende der Welt

Sacha Naspini: Hinter verschlossenen Tueren

Stellt euch vor, ihr reist durch Italien. Ihr kommt dabei durch Städte, kleine Orte und völlig abgelegene Dörfer. Stellt euch ein solch einsames Dorf vor, es liegt vielleicht auf einem Bergrücken. Ihr erreicht es am frühen Nachmittag, es gibt einen Supermercado, der gerade Mittagspause hat, einen leeren Platz mit ein, zwei Cafés und einer Bar. Vielleicht sitzen dort ein paar alte Männer im Schatten der Bäume und schweigen gemeinsam. Stellt euch die Häuser des Dorfes vor, wie sie sich verschachtelt entlang der Durchgangsstraße hinziehen, die ins Nirgendwo zu führen scheint. Die paar engen Gassen, die rechts und links abgehen. Wäsche, die vor den Fenstern zum Trocknen hängt, geschlossene Fensterläden. Natürlich gibt es eine Kirche, alt und verwittert – so wie der ganze Ort. Es ist still. Keine Menschen sind unterwegs. Seht ihr ein solches Dorf vor euch? Hört ihr die Stille? Unwillkürlich würde ich mir in diesem Moment die Frage stellen, wie es wohl sein muss, in einem Ort wie diesem sein Leben zu verbringen. Und was sich wohl hinter all den schweigenden Fassaden abspielen mag. Welche Menschen in den Häusern wohnen, die still der Mittagshitze trotzen. Was sie bewegt. Wie es sich anfühlt, alle anderen Bewohner jahrzehntelang zu kennen. Und ich wäre neugierig darauf, welche Geschichten sie wohl erzählen könnten. In dem Roman »Hinter verschlossenen Türen« von Sacha Naspini lernen wir ein solches Dorf kennen. Und wir erfahren Kapitel für Kapitel mehr über das Leben in einer Dorfgemeinschaft, die eher wie eine Schicksalsgemeinschaft wirkt. Und vielleicht möchte man dann doch nicht so genau wissen, was sich alles hinter den Fassaden abspielt, die in der Mittagszeit vor sich hinbrüten. Denn es sind Dramen und ein Blick tief hinein in menschliche Abgründe. Aber dann ist es zu spät, denn man hat dieses grandiose Buch bereits durchgelesen. Und muss erst einmal tief durchatmen. „Ein Dorf am Ende der Welt“ weiterlesen

In der Wüste ist das Licht zu Hause

James Anderson: Desert Moon

»Ich lese keine Krimis.« Diesen Satz höre ich regelmäßig und er trifft bei mir auf völliges Unverständnis. Denn ich finde es schade, wenn man als Leser solche Genre-Schranken im Kopf hat. Natürlich verstehe ich gut, dass einem nicht der Sinn steht nach Gemetzel, brutalen Schilderungen von Morden oder detailliert beschriebenen Folterszenen – mit Büchern dieser Art kann ich auch nichts anfangen. Aber Kriminalliteratur ist so viel mehr: Es gibt darunter sprachlich grandios erzählte Meisterwerke, brillant recherchierte Reisen in die Vergangenheit oder Gesellschaftsstudien, bei denen das Spannungselement lediglich das Vehikel ist, mit dem wir eine uns unbekannte Welt erkunden können. Ein schönes Beispiel dafür ist der Roman »Desert Moon« von James Anderson, erschienen im Polar-Verlag. »Kriminalroman« steht auf dem Buchcover. Das ist er. Und gleichzeitig so viel mehr. „In der Wüste ist das Licht zu Hause“ weiterlesen

Das rote Glas der Pfaueninsel

Florian Illies: Traeume aus Feuer

Wenn man sich für Bücher und Literatur begeistert, in einem Blog darüber schreibt und gleichzeitig in der Verlagsbranche arbeitet, dann kann es vorkommen, dass sich manchmal Privates und Berufliches miteinander vermischen. Und dann besucht man an einem frühsommerlichen Tag im Mai einen ganz besonderen, zauberhaften Ort, ist umgeben von buchaffinen Menschen und taucht mit allen Sinnen tief ein in die Vergangenheit. Der Ort, das ist die Pfaueninsel bei Berlin. Und auf die Reise weit zurück in die Geschichte schickte uns das Buch »Träume aus Feuer« von Florian Illies. Aber der Reihe nach. 

Die Pfaueninsel liegt in der Havel, die zwischen Berlin und Potsdam eher wie ein großer See wirkt. Etwa eineinhalb Kilometer ist sie lang und wie aus der Zeit gefallen, eine grüne Idylle, verwunschen, friedlich und trotz der Nähe zu Berlin vollkommen abgelegen – bis heute ist die Insel nur per Schiff zu erreichen. Per Fußgängerfähre, um genau zu sein; sechs Euro hin und zurück, um 18 Uhr fährt sie zum letzten Mal ans Festland. Danach gehört die Insel den Pfauen, die sie bevölkern und die Handvoll Menschen, die als Verwalter und Gärtner permanent auf dem Eiland leben, würdevoll bei sich dulden. Vom Ende des 18. Jahrhunderts an war die Pfaueninsel ein Rückzugsort für Mitglieder des preußischen Königshauses; das kleine Schloss, ein paar verstreut gelegene Gebäude im Stil des Klassizismus, der Rosengarten des berühmten Gartengestalters Peter Joseph Lenné und zahlreiche durch den Wald geschlagene Sichtachsen zeugen noch heute davon. Eine Insel als preußisches Arkadien, ein Refugium fernab von den Mühen der Welt – diese Anmutung hat sich bis in unsere Gegenwart erhalten. „Das rote Glas der Pfaueninsel“ weiterlesen