In der Zeitschleife

»Suedkurier« vom 18. September 1968

Es sind eigentlich nur ein paar Blätter Papier und doch so viel mehr als das. Ein Blick zurück durch die Jahrzehnte. Eine Pforte für eine gedankliche Zeitreise, verbunden mit dem Gefühl, gleichzeitig in einer immer gleichen Zeitschleife festzustecken. Oder ganz profan: Eine alte Zeitung, eine Ausgabe des »Südkurier« vom 18. September 1968. Aber der Reihe nach.

Kürzlich war ich damit beschäftigt, zusammen mit meinem Bruder unser Elternhaus final aufzulösen. Die letzten beweglichen Dinge wurden zusammengetragen, dabei öffnete ich eine Holztruhe. Sie war leer, nur der Boden mit Zeitungspapier ausgelegt. Mit jener Ausgabe des »Südkurier«, der wichtigsten Regionalzeitung im Konstanzer Raum, die unsere Mutter ihr ganzes Erwachsenenleben lang abonniert hatte.

Ich nahm die Blätter heraus, wollte sie schon auf den Haufen mit dem Altpapier werfen, als mein Blick auf die Schlagzeile fiel. Dann auf die Überschrift und den Kommentar daneben, dann auf weitere Meldungen. Und das war so faszinierend, dass ich mich in einer achtundfünfzig Jahre alten Tageszeitung festgelesen habe. Hier ein paar Auszüge.

Der Aufmacher lautet: »USA: Mehr Truppen in die Bundesrepublik«. Darunter war zu lesen: »Die Vereinigten Staaten werden zwischen 20.000 und 40.000 Soldaten zu vorübergehenden Übungen nach Europa entsenden. Dies bestätigte gestern US-Verteidigungsminister Clifford. Die Truppen sollen Anfang 1969 in der Bundesrepublik eintreffen. Nach weiteren Berichten werden die USA außerdem 96 Phantom-Düsenjäger in die Bundesrepublik zurückverlegen. Diese Geschwader waren erst vor wenigen Monaten aus Ramstein in der Pfalz abgezogen worden. Eine dauernde Rückverlegung amerikanischer Truppen dürfte jedoch davon abhängig sein, daß die Bundesrepublik ihren Verteidigungshaushalt erweitert. Der CDU-Abgeordnete Birrenbach, der gestern aus Washington zurückkehrte, berichtete Bundeskanzler Kiesinger, daß die US-Regierung eine kräftige Steigerung der deutschen Verteidigungsanstrengungen erwartet.«


Im Kommentar daneben heißt es: »Was vor wenigen Monaten unwahrscheinlich schien, wird Wirklichkeit: Die USA entsenden zusätzliche Truppen nach Westeuropa, und die Bundesrepublik dürfte kaum um eine Erhöhung ihres Verteidigungshaushalts herumkommen. Erst vor kurzem zogen die Amerikaner Düsenjäger-Staffeln aus Deutschland ab. Sie taten dies nicht zuletzt deshalb, weil Bonn auf Grund der angespannten Haushaltslage nicht bereit war, höhere Stationierungskosten zu zahlen. Jetzt haben sich die Verhältnisse geändert. Nach dem sowjetischen Überfall auf die CSSR fühlt sich die Bundesrepublik bedroht. Wer sich bedroht fühlt, muß für Sicherheit sorgen. Und Sicherheit kostet Geld.«


In der Rubrik »Kurz notiert« ist unter anderem zu lesen: »Das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg hat auf Antrag der NPD eine einstweilige Verfügung erlassen, wonach die Stadt Hannover unbeschadet der von ihr eingelegten Rechtsmittel bei Strafandrohung verpflichtet wird, der NPD die Niedersachsenhalle in Hannover für eine Wahlversammlung mietweise zu überlassen.«


Und eine weitere Meldung dort: »Der DGB-Vorsitzende Rosenberg hat die Vereinten Nationen telegrafisch gebeten, die Menschen in Biafra vor Hunger und Verfolgung zu schützen und ihre Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten zu sichern.« Biafra ist ein Teil Nigerias, der sich 1967 für unabhängig erklärte und in den kommenden drei Jahren von Nigeria brutal zurückerobert wurde.


Eine Meldung unter der Überschrift »Höcherl will billige Butter«.
»Bundesernährungsminister Höcherl will erreichen, daß eine Million Sozialempfänger zunächst ein halbes Jahr lang alle vierzehn Tage ein halbes Pfund Butter zum Preis von 60 Pfennig kaufen können. Der Bundesminister hat die Landwirtschafts- und Ernährungsminister der Bundesländer geben, sich bei den Landesregierungen dafür einzusetzen, daß sich die Sozialämter an dieser Aktion beteiligen und Berechtigungsscheine für die billige Butter ausgeben.«


Ebenfalls auf der Titelseite der Zeitung: »Israelische Stadt mit Raketen beschossen«. Im Text dazu heißt es: »Zum ersten Mal seit langer Zeit ist in der Nacht zum Dienstag eine israelische Stadt beschossen worden. In den letzten Monaten waren die Angriffsziele nur Siedlungen und Militäreinrichtungen. Arabische Untergrundkämpfer der ›El Fath‹-Organisation beschossen nach israelischen Angaben die Stadt Beisan im Jordantal mit 130-Millimeter-Raketen. Im Wohngebiet von Beisan wurden dabei durch acht Raketen acht Zivilisten verletzt. Als Gegenmaßnahmen beschoß israelische Artillerie gestern die jordanische Stadt Irbid, 32 Kilometer östlich des Jordans. Ein jordanischer Militärsprecher teilte mit, durch 5 Granaten seien 3 Zivilisten schwer verwundet und zwei Häuser zerstört worden.«


Im Sportteil ist zu lesen: »Olympia wird immer teurer«. Das wird dann genauer ausgeführt: »In Bezug auf München 1972 wird heute schon die Frage gestellt: ›Wer finanziert eigentlich die Olympischen Spiele?‹ Generalsekretär Herbert Kunze versuchte dieser Tage eine Antwort auf diese heikle Frage zu geben: ›Wir rechnen mit 200 bis 250 Millionen DM Einnahmen durch die Olympia-Lotterie und mit 60 bis 100 Millionen DM aus dem Verkauf von Olympia-Münzen und -Briefmarken. Kunze meint weiter, daß sich Aufbau, Durchführung und Abwicklung der Spiele dagegen selbst decken müssen, ein Wort, daß den braven Steuerzahler sicherlich erfreuen wird. Allerdings ist diese Rechnung noch nicht ganz fertig. Denn der Kostenvoranschlag für die Gesamtkosten beträgt bekanntlich 800 Millionen DM. Und um auf diesen Betrag zu kommen, fehlen nach den genannten Einnahmen noch rund 500 Millionen. Wer wird sie bezahlen? Letzten Endes wohl doch der brave Bürger. … In der Tat: Olympia ist zu einem teueren Vergnügen geworden.«


Eine Meldung habe ich noch: »Bücher haben in der Flaute Konjunktur«. Hier die Details: »Die Bundesbürger haben im konjunkturellen Flautejahr 1967 mehr als je zuvor gelesen, zumindest wurden mehr Bücher gekauft. Das läßt sowohl der vierprozentige Anstieg der Umsätze des Einzelhandels mit Büchern, als auch die Buchproduktion erkennen, die mit 30.683 Titeln um 29 Prozent höher als im Vorjahr war. Trotz des starken Vordringens der Massenmedien Rundfunk und Fernsehen und der damit verbundenen zeitlichen Beanspruchung der Bundesbürger hat deren Leseeifer erheblich zugenommen. Im vergangenen Jahr hat nach den Feststellungen der Buchhändler die Zunahme der Arbeitslosen- und Kurzarbeiterzahl zu einem stärkeren Interesse für das Buch geführt, wobei auch ein ausgeprägtes Bildungsstreben eine Rolle spielte. Je Einwohner wurden im letzten Jahr fast 44 DM für Bücher und Fachzeitschriften ausgegeben.«


Nun ist ein Blogbeitrag entstanden, der fast nur aus abgeschriebenen Zeitungsartikeln aus dem Jahr 1968 besteht. Aber einmal damit angefangen, konnte ich nicht mehr damit aufhören. Und das ist kein Wunder, sind all diese Meldungen auf eine erschreckende Art aktuell und heutig: Erhöhung des Verteidigungsetats aufgrund Drucks aus den USA. Angespannte Haushaltslage. Russische Aggression gegen einen europäischen Staat, hier die Tschechoslowakei. Der gescheiterte Versuch, einer Neonazi-Partei die Anmietung einer Halle zu verwehren. Krieg und Hungersnot in einem afrikanischen Land, diesmal Nigeria. Hilfe für sozial Schwache, die eher nach einem bürokratischen Monster aussieht. Arabische Terroristen – und nein, liebe Medien, es waren auch schon damals keine »Kämpfer« – die eine israelische Stadt mit Raketen beschießen, um einen Gegenschlag auszulösen. Und die explodierenden Kosten einer sportlichen Großveranstaltung, in diesem Fall die Olympiade 1972. Nur die Meldung über gestiegene Buchkäufe klingt leider nicht aktuell – die würde ich mir für unsere heutige Zeit wünschen. Alle anderen Nachrichten vermitteln das Gefühl, dass die Menschheit in den letzten sechzig Jahren nichts, wirklich gar nichts dazugelernt hat. Und als würden wir in einer Zeitschleife feststecken.

Gleichzeitig war es ein faszinierendes Erlebnis. Eine alte Zeitung, staubig, vergilbt, zerknickt und stockfleckig lässt einen in der Zeit zurückreisen. Die gleiche Zeitung hielt meine schwangere Mutter fünf Monate vor meiner Geburt in der Hand. Wie es ihr wohl ging in diesem Moment? Was hat sie gedacht, was gefühlt? Und jetzt liegen diese paar Blätter aus Papier neben mir und sind immer noch da – mitsamt ihren Botschaften aus einer anderen Welt, in der sich die Menschen mit den gleichen Themen auseinandersetzen mussten, wie wir heute.

Es gibt noch einen Grund, warum ich das alles aufgeschrieben habe: In absehbarer Zeit wird es solche Erlebnisse nicht mehr geben. Denn mit einer Zeitung im E-Paper-Format kann man keinen Truhenboden mehr auslegen. Und das ist schade. 

Gelebte Leben

Elizabeth Strout: Die langen Abende

»Intensiv leben wollte ich. Das Mark des Lebens in mich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war. Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte.« Dieses Zitat von Henry David Thoreau wurde 1989 durch den Film »Der Club der toten Dichter« weltbekannt. Auf mich wirkten die Sätze damals wie ein Faustschlag – es war die Zeit des Aufbruchs in das Erwachsenenleben, in das ich gerade vollkommen planlos hineinstolperte. Und die mahnenden Worte »Damit ich nicht in der Todesstunde innewürde, dass ich gar nicht gelebt hatte« waren prägend für mein Leben, ich habe sie nie wieder vergessen. Bewusst oder unbewusst ließen sie mich die Veränderung lieben und den Stillstand fürchten, sorgten für Entscheidungen aus dem Bauchgefühl heraus, für Aufbrüche ins Ungewisse, für große Umwege – und damit für unzählige Erfahrungen, von denen ich keine einzige missen möchte. Beim Lesen des Romans »Die langen Abende« von Elizabeth Strout musste ich unwillkürlich an Thoreaus Sätze denken, denn viele der Personen, die das Buch bevölkern, sind Menschen in der Endphase ihres Lebens. Und die Frage, ob das jetzt tatsächlich alles gewesen war, schwingt in ihren Gedanken und in ihrem Handeln mit. „Gelebte Leben“ weiterlesen

Literatur verbindet

Leipziger Wohnzimmerlesung | Anne Stern: Die weisse Nacht

Literatur verbindet Menschen. Diese Erkenntnis mag nicht neu sein, aber selten habe ich dies so unmittelbar gespürt wie bei unserer Leipziger Wohnzimmerlesung. Wie immer – so kann man inzwischen sagen – stellt mein guter Freund Hannes Lehner während der Leipziger Buchmesse sein Wohnzimmer für eine Lesung zur Verfügung, die wir gemeinsam organisieren. Zu Gast war dieses Jahr die Autorin Anne Stern mit ihrem Roman »Die weiße Nacht«. Und wie immer war das Wohnzimmer leergeräumt und mit Bierbänken ausgestattet. Wie immer war der Raum mit etwas mehr als dreißig Personen proppenvoll. Wie immer war die Atmosphäre ganz und war wunderbar. Und wie immer kannten wir einen Teil der Anwesenden überhaupt nicht, es waren Menschen, die über die Ankündigungen im Leipzig-liest-Programm, über Postings in den sozialen Medien oder über den Veranstaltungs-Newsletter des Verlags den Weg ins Wohnzimmer gefunden hatten. Dieses Mal waren etwa zwei Drittel der Lesungsgäste Unbekannte; mehr als in den Jahren zuvor – aber es fühlte sich gar nicht so an. Hannes brachte es bei seiner Begrüßung auf den Punkt: Gerade in Zeiten großer Ungewissheiten wie diesen sei es ihm eine große Freude, seine Wohnung zur Verfügung zu stellen, damit einander fremde Menschen für einen Moment zusammenfinden, miteinander ins Gespräch kommen, sich über Bücher austauschen, ein Glas Wein gemeinsam trinken. Denn dieses Miteinander sei das, auf was es ankommt. In diesem Augenblick waren wir alle in diesem Raum eine Gemeinschaft. Und dann redeten Anne Stern und ich über ihr Buch. „Literatur verbindet“ weiterlesen

Kaffeesatzlesen für eine Dekade: Zehn Jahre später

Im März 2016 erschien ein Text von mir in der Zeitschrift »Streifband«, dem Magazin des Studienganges Buchherstellung an der HTWK Leipzig. Er trug den Titel »Kaffeesatzlesen für die nächste Dekade«. Ich war gebeten worden, einen Beitrag über die Zukunft der Buchbranche zu schreiben – eine ebenso reizvolle wie schwierige Aufgabe. Um sie einigermaßen meistern zu können, hatte ich damals den Betrachtungszeitraum auf eine Dekade eingegrenzt. Und wie die Zeit vergeht: diese zehn Jahre sind nun vorbei. Ein schöner Anlass, sich den damaligen Text noch einmal anzuschauen und mit unserer heutigen Realität abzugleichen. Der Originaltext ist jeweils mit »Kaffeesatz2016« markiert und in einer anderen Farbe gesetzt. „Kaffeesatzlesen für eine Dekade: Zehn Jahre später“ weiterlesen

In Berlin gewesen. Bücher gekauft.

Deutscher Buchhandlungspreis

Die Buchhandlungslandschaft in Deutschland ist einzigartig in der Welt. Nirgendwo sonst gibt es ein solch dichtes Netz an unabhängigen und inhabergeführten Buchhandlungen. Doch das ist keine Selbstverständlichkeit, denn es sind fragile Handelsstrukturen. Unabhängige Buchhandlungen stehen unter großem Druck; auf der einen Seite das zunehmend schwierigere Umfeld in verödenden Innenstädten, steigende Kosten bei gleichbleibenden Gewinnmargen, die ohnehin nicht üppig sind, fehlende Nachfolger, wenn die altgedienten Inhaber in Ruhestand gehen. Hier springt zwar immer häufiger Thalia ein und übernimmt mittelständische Buchhandlungen, aber das geht letztendlich auf Kosten der Vielfalt. 

Vielfalt ist ein gutes Stichwort: Jede Buchhandlung in unseren Städten ist nicht nur ein Schaufenster für Literatur und Bücher, sondern trägt aktiv zur Meinungsvielfalt in unserem Land bei. Denn jede unabhängige Buchhandlung hat ihr eigenes Profil – nicht umsonst heißt der Beruf offiziell »Sortimentsbuchhändler«, geht es doch darum, ein kuratiertes Sortiment zusammenzustellen. Die Buchhandlungslandschaft ist daher ein bedeutender Teil unserer Kulturlandschaft. Um dies nicht nur ideell, sondern auch materiell zu unterstützen, gibt es seit 2015 den Deutschen Buchhandlungspreis. Eine Jury wählt dafür 118 Buchhandlungen aus, von denen hundert ein Preisgeld in Höhe von 7.000 Euro erhalten, fünf Buchhandlungen ein Preisgeld von 15.000 Euro und drei Buchhandlungen ein Preisgeld von 25.000 Euro. In einer Branche, die von Idealismus bis zur Selbstausbeutung geprägt ist, sind dies handfeste Preisgelder. 

Eine feine Sache ist dieser Preis. Zumindest war er das bis zu diesem Jahr. Am 10. Februar 2026 wurden die Buchhandlungen bekannt gegeben, die den Preis erhalten sollen. Sie wurden von einer unabhängigen Jury aus 483 Bewerbungen ausgewählt. Same procedure as every year? Nicht dieses Mal. Denn knapp drei Wochen später überschlugen sich die Ereignisse und was dann geschehen ist, dürften die meisten buchaffinen Menschen mitbekommen haben. Daher soll es hier vor allem darum gehen, Stimmen und Statements zu sammeln, um zumindest einen kleinen Überblick über die Geschehnisse zu geben. „In Berlin gewesen. Bücher gekauft.“ weiterlesen

Schlamm und Drohnen

Szczepan Twardoch: Die Nulllinie - Roman aus dem Krieg

1.461 Tage. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen überzieht das russische Terrorregime die Ukraine mit Krieg. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen werden ukrainische Städte, Dörfer, Landstriche verwüstet, sterben Menschen. Seit tausendvierhunderteinundsechzig Tagen leidet die ukrainische Bevölkerung unter Drohnen- und Raketenangriffen, unter zerstörter Infrastruktur, unter dem Horror des Angriffs eines größenwahnsinnigen Despoten. Seit vier Jahren tobt ein Krieg in Europa. Oder vielmehr: Seit vier Jahren führt Russland einen Krieg gegen Europa. Die Nachrichten darüber gehören inzwischen zum Alltag – so sehr, dass vielen von uns gar nicht mehr bewusst ist, was da eigentlich gerade geschieht, dort, weit im Osten unseres Kontinents. Der Roman »Die Nulllinie« von Szczepan Twardoch ändert das. Ändert das sehr drastisch – denn er schickt uns an jene Nulllinie, die nur ein anderes Wort ist für Front oder für Niemandsland. „Schlamm und Drohnen“ weiterlesen

Über Haltung in schwierigen Zeiten

Timothy Snyder: Ueber Tyrannei - Zwanzig Lektionen fuer den Widerstand

Ich bin wütend. Wütend auf den persönlichkeitsgestörten Widerling, der zusammen mit seiner Entourage das Weiße Haus beschmutzt. Wütend auf den Verbrecher im Kreml, der nicht nur einen Krieg in, sondern gegen Europa führt. Wütend auf die Mörder-Mullahs in Teheran, die ihr eigenes Volk massakrieren lassen. Wütend auf die obszöne Clique der Tech-Milliardäre, die der Meinung sind, sie könnten sich unsere Welt kaufen und nach ihrem Geschmack umgestalten. Wütend auf alte und neue Nazis. Wütend auf die AfD-Wähler, die ihre Stimme einer Partei geben, die nicht nur für reaktionären Bullshit, sondern auch für Inkompetenz und Landesverrat steht. Wütend auf die »Free Palestine«-Bubble, deren Mitläufer sich mit ihrem dumpfen, antisemitischen Hass zu nützlichen Idioten des Islamofaschismus machen. Und sich dabei tatsächlich für »links« halten. Wütend auf all diejenigen, die dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Gräben in unserem Land immer tiefer werden. Und wütend auf die, die nichts dagegen unternehmen. Wütend auf Schmierblätter der Ewiggestrigen, die sich seltsamerweise »Junge Freiheit« oder »Junge Welt« nennen. Wütend auf den giftigen Dreck, der über Portale wie »Nius« oder »Tichys Einblick« verbreitet wird, diese Furunkel unserer Medienlandschaft. Wütend auf die Menschen, die diesen Unsinn tatsächlich glauben. Wütend auf all diejenigen, die Tag für Tag daran arbeiten, die Erde zu einem schlechteren Ort zu machen. 

Das hat gut getan. Dabei könnte ich noch eine Weile so weitermachen, die Wut auf den Zustand unserer Welt ist seit langem zu einem permanenten Begleiter geworden. Nur noch vage erinnere ich mich an das Gefühl des Aufbruchs in eine bessere Zeit, an das Gefühl der Leichtigkeit, mit dem ich im Jahr 1990 in das Erwachsenenleben gestartet bin. Und das sich nach und nach verflüchtigte und angesichts der heutigen Zeit kaum noch vorstellbar ist. Stattdessen: Sorge. Furcht. Und Wut. Doch es ist die Wut der Ohnmächtigen. Eine Wut, die nichts bewirkt. Dachte ich jedenfalls bis vor ein paar Tagen. Bis ein schmales Buch für eine neue Perspektive gesorgt hat. Es lag schon lange auf einem Stapel vor dem Bücherregal, ich habe es an einem Sonntagnachmittag in kürzester Zeit durchgelesen – wie gesagt, es ist schmal, es sind lediglich 126 Seiten. Aber die haben es in sich. Es handelt sich um den Titel »Über Tyrannei – Zwanzig Lektionen für den Widerstand« von Timothy Snyder. „Über Haltung in schwierigen Zeiten“ weiterlesen

Nichts ist, wie es scheint

Andreas Pflueger: Kaelter

Als 2016 der Roman »Endgültig« von Andreas Pflüger erschien, entschied sich der Suhrkamp Verlag zum ersten Mal in seiner Verlagsgeschichte, das Wort »Thriller« auf den Umschlag zu drucken. Es folgten die beiden Fortsetzungen »Niemals« und »Geblendet«, danach die Romane »Ritchie Girl« und »Wie Sterben geht«. Und »Kälter«, das neueste Werk, um das es in diesem Blogbeitrag gehen soll. Alle Titel haben etwas gemeinsam. Genau wie auf den Buchcovern angekündigt sind es Thriller. Außerordentlich spannende Thriller. Und jeder von ihnen ist auf seine Weise mehr als ein Thriller. Nämlich Kriminalliteratur vom Allerfeinsten, brillant geschrieben, mit einem perfekt komponierten Spannungsbogen. Und jeder Roman mit einer thematischen Besonderheit. „Nichts ist, wie es scheint“ weiterlesen

Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher

Mein Lesejahr 2025: Die besten Buecher

»Was lese ich als nächstes?« Dies ist für mich eine der schönsten Fragen, die es gibt. Manche Menschen planen ihre Lektüren im Voraus oder nehmen sich vor, während eines Jahres bestimmte Bücher zu lesen. Zu diesen gehöre ich nicht. Ganz im Gegenteil: Ich liebe es, vollkommen planlos von Buch zu Buch zu flanieren, mich durch fremde Welten, Zeiten und Leben treiben zu lassen. Mich vor das überquellende Buchregal zu stellen und in aller Ruhe zu überlegen, welches Buch gerade passen würde. Und wenn das Jahr zu Ende geht, ist eine bunte, spannende und so manches Mal überraschende Mischung an Lektüren zusammengekommen. Wie immer habe ich für diesen Rückblick meine persönlichen fünfzehn Favoriten zusammengestellt; es sind die Romane und Sachbücher, die mich 2025 am meisten bewegt, beschäftigt oder inspiriert haben. Und wie immer sind einige davon Neuerscheinungen gewesen, andere standen schon länger im Bücherregal und hatten auf den passenden Lesemoment gewartet. Und genau deshalb kann man gar nicht genug ungelesene Bücher zuhause haben. Ich nenne sie Lesevorräte.

Doch genug der langen Vorrede, das hier sind sie, meine persönlichen Lesehighlights des Jahres 2025. „Mein Lesejahr 2025: Die besten Bücher“ weiterlesen

Die Geschichten im Kopf

Die Geschichten, die im Kopf entstehen: Gespraech mit einem Fensterputzer

Auf dem Photo dieses Beitrags sind eine Menge Fenster zu sehen. Es handelt sich um eine Teilansicht des Verlagsgebäudes von Bastei Lübbe, inmitten des Carlswerks, einem ehemaligen Industrieareal im Kölner Stadtteil Mülheim. Das 1961 errichtete heutige Verlagshaus war früher das Verwaltungsgebäude des Fabrikgeländes, bis es 2010 für die Bedürfnisse eines modernen Medienunternehmens umgebaut wurde. Hinter einem der Fenster links oben befindet sich das Büro, in dem ich für den Eichborn Verlag arbeite, der zur Lübbe-Gruppe gehört. Zwei große Bücherregale prägen das Büro, sie sind gut gefüllt mit Exemplaren für die Presse, für Blogs oder Buchhandlungen und mit einem Archiv der Eichborn-Bücher aus den letzten Jahren. Ein Arbeitsplatz, umgeben von Büchern.

Zwei Mal im Jahr geht ein Trupp Fensterputzer durch das ganze Gebäude, das sechs Stockwerke hoch ist und wohl gute hundert Meter lang – es gibt für sie eine Menge zu tun. Und da Fensterputzen nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen im Haushalt gehört, bin ich jedes Mal tief beeindruckt, mit was für einer Geschwindigkeit man eine große Scheibe reinigen kann. Üblicherweise betritt einer der Jungs das Büro, erledigt seinen Job in wenigen Minuten und ist wieder weg. Einmal aber sind wir ins Gespräch gekommen und das möchte ich hier aufschreiben. „Die Geschichten im Kopf“ weiterlesen